Düstere Todesschatten

Sarah Nöltner

Von Sarah Nöltner

Di, 10. November 2015

Klassik

Der Motettenchor Lörrach und das Barock-Orchester "L’arpa festante" beim Kirchenkonzert.

Erwartungsvoll murmelnd strömt das Publikum in die Kirche St. Peter in Lörrach. Momente des hektischen Ankommens, des schnellen zur Ruhe-Kommens und schließlich des Eintauchens in die Musik einer anderen Zeit, deren emotionaler Gehalt sich unmittelbar erschließt. Würdig präsentierte der Motettenchor Lörrach gemeinsam mit dem Barock-Orchester "L’arpa festante" und einem umwerfenden Solistenensemble die englischsprachige Originalfassung von Händels "Messiah" unter Leitung von Stephan Böllhoff. Was dieser aus dem ambitionierten Laien-Chor an Professionalität rausgeholt und über fast drei Stunden Aufführung aufrechterhalten hat – faszinierend.

Chor und Solisten gelang es fast durchgängig, die im Text enthaltenen Emotionen und Bilder musikalisch erfahrbar zu machen: Düstere Todesschatten und helles Licht, freudvolle Offenbarung ebenso wie tiefe Verachtung erstanden klanglich im Raum.

Zwar war die Textverständlichkeit ausgezeichnet, doch auch ohne diese hätte das Publikum immer die emotionale Aussage der Musik verstanden. Böllhoff dirigierte fein, empathisch und präzise, hier zeigte er einen Auftakt im neuen Tempo schon in den Fingerspitzen, während er im alten Tempo noch einen Abschluss dirigierte, dort malte er die dynamische Gestaltung eines Abschnittes in die Luft, korrespondierte mit Chor, Orchester und Solisten, entlockte ihnen die Klänge seiner Vorstellung von Händels Messias.

Heraus kam: reifer und differenzierter Chorklang, Melodieführungen in großer Homogenität, lebendige dynamische Gestaltungen, hohe Präzision, abwechslungsreiche Klangcharakteristika und eine Art von Klangmalerei, die eigentlich eher klingende Emotionsmalerei ist. Dass sich Solisten und Chor in diesem Punkt der Gestaltung so einig waren, war ein großer Gewinn für die Zuhörer.

Manfred Bittner (Bass) sang von "darkness" und "great light" (11) und man wähnte sich von Dunkelheit umgeben um gleich darauf das helle Licht zu spüren. Er sang "furiously rage" (40) und klang wie ein musikalisch rasender Wüterich.

Der Chor (12) erzählte vom neugeborenen Kind und klang ehrfürchtig schlicht und sang des Kindes Namen "Wonderful" wunderbar glänzend: All die Hoffnung, die in dieses besondere Kind gesetzt wird, schien im Wortklang mitzuschwingen.

Altistin Saskia Klumpp ließ Verachtung ("despised"), Schmerz und Gram (23) so eindrucksvoll klingen, dass man sich dem Mitfühlen nicht entziehen konnte. Das aufmerksam begleitende Orchester, das an anderen Stellen unbeschwert und luftig klang, spielte hier melancholisch und schwer, fast schon dramatisch. Hans Jörg Mammel (Tenor) reihte sich ein und schuf klingende Bilder, in denen Spott (42) und Traurigkeit (29) ihren Ausdruck fanden.

Ihre Schluss-Arie "If God be for us" (52) gestaltete Sopranistin Petra Hoffmann gemeinsam mit Violine, Viola da Gamba und Theorbe kammermusikalisch fein und strahlend. Der Gegensatz zum fülligen Klang des Schlusschores (53) war groß und betonte rückwirkend den intimen Charakter der vorangegangenen Arie. Die Pauke sorgte an den richtigen Stellen für Struktur, erhöhte die Spannung und war klingender Richtungsweiser.

Der Motettenchor Lörrach zeigte sich wieder einmal als institutionalisierte Bereicherung der Lörracher Konzertlandschaft. Gemeinsam mit dem Orchester und den Solisten ist dem Chor und Stephan Böllhoff ein Konzert gelungen, das lange in Erinnerung bleiben wird.

Langer Applaus und das "Hallelujah" als Zugabe, bei dem sich die Solisten ganz unprätentiös in den Chor einreihten.