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28. Juni 2012
Schwarzenberg
Ein Besuch bei der Schubertiade in Schwarzenberg
Stehen drei Vielreisende in Sachen Musik beieinander. Ihr Thema: Welches Festival ist das schönste? Kein Zweifel, wirft der Erste sich in die Brust: Salzburg.
Die architektonische Schnittstelle zwischen Nord und Süd, die Lage, das umfangreiche Programm... Gewiss, nickt der Zweite. Dennoch, wirft er ein, plädiere er für Luzern. Das wunderbare Haus am wunderschönen See, die besten Orchester der Welt... Und der Dritte? Er lächelt stillvergnügt in sich hinein und ist sich ganz sicher: die vorarlbergische Schubertiade in Hohenems und vor allem in Schwarzenberg – das erlesene Programm, die kammermusikalische und liedsingende Weltelite, dazu die Einheit von Natur und Kultur und, nicht nur nebenbei, das kenntnisreichste und disziplinierteste (internationale) Publikum, das sich denken lässt. Ihm folgen wir wieder für eine gute halbe Woche und acht Konzerte von Dornbirn über den Kamm des Bödele und dann hinab in den Bregenzerwald, wo Schwarzenberg gleichsam am Berg klebt – mit dem denkmalgeschützten Dorfplatz, dem schönsten in ganz Österreich, wie es oft heißt.
Schubert und nochmal Schubert – doch drumherum die Wiener Klassik und weiter bis Brahms und Mahler, die ganze Breite. Wer Schwarzenberg das Mekka des Liedgesangs nennt, übertreibt nicht. Die Großen waren und sind ohne Ausnahme dabei. Von denen in vorgerückten Jahren in unserer Schubertiade-Phase Waltraud Meier und Christoph Prégardien. Er mit Goethe-Vertonungen: immer noch fesselnd – dank seiner gestalterischen Intelligenz, seiner Meisterschaft im Farbensingen, seiner schieren Perfektion der mezza voce, wirklich des Singens mit halber, kaum je voller Stimme samt einem wahrlich klingenden Piano und nicht nur bei Schuberts und Loewes "Erlkönig" mit suggestiver Wirkung. Seine Kollegin beeindruckt namentlich, wenn sie sich dem Pathos von Mahlers "Um Mitternacht" oder Brahms’ "Von ewiger Liebe" anheimgibt, auch jenseits des Zeniths noch.
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Auf dem Gipfel zeigten sich indes die – enthusiastisch gefeierten – Interpreten von Schuberts zentralen Zyklen: Gerald Finley mit der "Winterreise" und Daniel Behle mit der "Schönen Müllerin". Der Kanadier Finley imponiert zunächst einmal mit seinem fast erdrückend fülligen und doch so beweglichen Bariton. Der wird freilich immer wieder in ein bestrickendes Piano zurückgenommen. Verwundert registriert man Finleys Zeitlupen-"Lindenbaum" – bis man merkt: Da mobilisiert ein Unglücklicher seine letzte Hoffnung, versucht einer verzweifelt die Zeit anzuhalten, ehe er sich ins Decrescendo seines Lebens fügt. So viel Können, so viel Kunstverstand! Und der kometenhaft aufgestiegene Behle: im historischen Vergleich zwischen einem Karl Erb, einem Peter Pears und dem Wunderlich-Strahl einzuordnen, ein geradezu seraphischer, dazu federleichter Tenor, der Liedbelcanto und existenziellen Ausbruch vereint und auch mal ("Ungeduld", "Mein!") irrwitzig voranprescht, um das Glück doch noch zu zwingen.
das Belcea-Quartett
Von Anfang an, seit 1976 ist Gerd Nachbauer, der Festivalchef, dabei. Von ihm verpflichtet zu werden, wurde bald eine Art Ritterschlag. Viele junge Streichquartette profitierten davon. Drei hörten wir diesmal. Das kärntnerische Acies-Quartett überzeugte mit einem frisch-unprätentiösen Zugang zu und einer feinen lyrischen Ader bei Mendelssohn (Es-Dur op. 12) und reüssierte samt vier Wiener philharmonischen Zuzüglern mit einer so schwungvollen wie behutsam-noblen Wiedergabe des obligatorischen Schubert’schen Oktetts. Schubert ("Der Tod und das Mädchen") auch beim Prager Pavel-Haas-Quartett: eine Version von einer manchmal abgrundtief-rätselhaften Ruhe. Hauptsächlich aber Smetana ("Aus meinem Leben"), dessen musikalischer Dialekt mit fast schon seismographischem Gespür fürs spezifisch Böhmische im dynamischen und agogischen Auf und Ab getroffen wird.
Und dann die Sensation dieser Tage: das englische Belcea-Quartett, dem die Gunst zufiel, in sechs Konzerten alle Quartette Beethovens auszubreiten. Die opera 131, 132 und 135: ein bisweilen regelrecht verstörendes Bild, das nerven und zugleich berühren kann – eine grandiose Ausdrucksbesessenheit, die das Unterste zuoberst kehrt und etwa den "heiligen Dankgesang" mit nachgerade exzentrischen Hervorhebungen um ein Haar dekonstruiert und dabei stehenzubleiben scheint. Vier Mutwillige, die keine Rauheit, keine Schrillheit fürchten. Ein so konzises wie verbissen-aggressives Beethoven-Spiel der Extreme, so merkwürdig wie faszinierend, so wild wie versunken. Wer Beethovens Radikalität einfordert – hier bekommt er sie. Ovationen.
Seit je gibt sich bei der Schubertiade auch die Creme der Pianisten die Klinke in die Hand. Diesmal: Elisabeth Leonskaja mit Schuberts früher a-Moll-Sonate D 537 sowie den A-Dur-Werken D 664 und 959. Das ist kaum geschmälerte Klavierkunst, im Großen souverän disponiert, im Kleinen aufs Sorgsamste ziseliert, vollgriffig und glasklar in einem, die expressive Unterminierung wie die lyrische Versonnenheit aufspürend.
Wer obendrein an der Suche nach dem wahren Schubert hinter all den – meist geschönten – Bildnissen teilnehmen, wer seine Rezeption verfolgen will, der ist optisch und akustisch in dem ihm gewidmeten Museum in Hohenems gut aufgehoben. Es existiert seit 2011 und ist ein kleines Juwel.
– Die Schubertiade demnächst: 27. August bis 9. September in Schwarzenberg, 3. bis 11. Oktober in Hohenems.
Tel. 0043/5576/72091. Schubert-Museum, Marktstraße 1, Hohenems, Sonn- und Feiertage, 14 – 18 Uhr.
Autor: Heinz W. Koch



