Ein Juwel der Kammermusik

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mi, 14. März 2018

Klassik

Basler Ensemble stellt in Grenzach-Wyhlen Felix Weingartner als Komponisten vor.

Er hat Basel einen fantastischen Reichtum an Musik, aber auch einen handfesten Skandal beschert: Der international gefragte Dirigent Felix Weingartner war 64 Jahre alt, als er 1927 dem Ruf nach Basel folgte. Bis 1934 wirkte er hier als Chefdirigent des Sinfonieorchesters, künstlerischer Leiter der Allgemeinen Musikgesellschaft und Direktor des Konservatoriums. Dass der Maestro, der in Basel die Orchesterkultur zum Blühen brachte, auch ein bis heute viel zu wenig bekannter Komponist war, hörte das Publikum bei einem Kammermusikabend im Haus der Begegnung in Grenzach-Wyhlen.

Ein hochkarätig besetztes Ensemble aus Basel um die Geigerin Yuki Kasai, Konzertmeisterin des Kammerorchesters Basel, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Komponisten Weingartner aus der Vergessenheit zu reißen. Man könnte sich keine leidenschaftlicheren und engagierteren Interpreten wünschen als diese Formation, die Weingartners monumentales dreiviertelstündiges Klaviersextett von 1906 in fulminanter Verve und spätromantischer Klangfülle zur Aufführung brachte.

Zwischen den Sätzen dieses Kammermusikjuwels erzählte und las Kontrabassist Christian Sutter aus Weingartners "Lebenserinnerungen" und brachte dem Publikum diese Musikerpersönlichkeit auch literarisch näher. Der gebürtige Wiener gehörte in Weimar zum Kreis um Franz Liszt, traf in Wien mit Brahms zusammen und war Nachfolger von Gustav Mahler an der Wiener Hofoper. In seiner Basler Zeit kurbelte der Dirigent, der auch ein großer Pianist, Komponist und wortgewaltiger Schriftsteller war, das Orchester- und Konzertleben gehörig an, veranstaltete Festwochen, gab Dirigierkurse, in denen übrigens auch ein Paul Sacher sein Handwerk vervollkommnete. Sutter erwähnte in seinen Anmerkungen auch Differenzen und einen Eklat um Weingartner: Der Dirigent hatte sich in die 44 Jahre jüngere Studentin am Konservatorium, Carmen Studer, verliebt, die seine fünfte Ehefrau wurde: ein Skandal für die bürgerlichen Kreise in Basel.

Sutter las aus den 830 Seiten dicken Erinnerungen auch Episoden von Begegnungen mit Liszt und der Künstlerfreundschaft mit Alfred Reisenauer, dem Weingartner sein Klaviersextett gewidmet hat. Was für ein prächtiges, zutiefst romantisches Werk! Kraftvoll, vital, voller Expressivität und mit herrlich blühendem und kantablem Klang gingen Yuki Kasai an der ersten Violine, Manuel Oswald an der zweiten Violine, Lea Boesch an der Bratsche, Olivier Marron am Cello, Christian Sutter am Kontrabass und Mischa Sutter am Flügel dieses viersätzige Meisterwerk an. Hochromantisch im Ausdruck, voller Emphase und Vehemenz schöpften der Pianist und die Streicher die Fülle und Leidenschaftlichkeit im Kopfsatz aus. Zart und pointiert horchten sie im Allegretto das filigrane Klanggespinst aus. Träumerisch hingetupft im Klavierpart und gefühlvoll weich in den Streichern klang das Adagio. Akzentuiert in Rhythmus und den Effekten spielte das Ensemble den Danza funebre, den etwas gespenstischen Schlusssatz mit wehütigen Passagen.

Dieses Sextett mit Schumanns Klavierquintett Es-Dur zu koppeln, lag nahe. Veranstalter Helmut Bauckner vom Verein für Heimatgeschichte hatte sogar Anekdotisches über einen Aufenthalt Schumanns in Basel 1829 parat. Auch Weingartner hatte sich intensiv mit Schumanns Musik beschäftigt. In seinen Erinnerungen erzählt er von einem denkwürdigen Konzert der damals 62-jährigen Pianistin Clara Schumann. Dass dieses Quintett ein "Werk voll Kraft und Frische" ist, wie Schumanns Gattin notierte, machte das Ensemble in seiner hinreißenden Darstellung mehr als deutlich. Feurig und schwärmerisch, brillant und frisch im drängenden Impuls spielten die Musiker die Allegro-Ecksätze, ausgewogen und schön durchsichtig und klar im Klavier- und Streicherklang. Den düsteren Trauermarsch im zweiten Satz gestalteten sie rhythmisch eindringlich mit aufgelichteten, zarten Momenten, das Scherzo als wirbelig vorüberhuschenden Klangspuk und den Finalsatz mit zupackendem Elan und glühender Emphase: eine glänzende Interpretation dieses Gipfelwerks.