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14. Januar 2012
Emotionale Furchen
Musik, die von Müssen kommt: Die CD "Psalm" mit Kompositionen von Gilead Mishory.
Der erste Unisono-Akkord bricht mit der Wucht seiner Oktavverdopplungen in ähnlicher Schärfe in die vorausgegangene Stille, wie der in Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen". Ein Aufschrei, dem noch viele folgen werden, denn Gilead Mishorys "Psalm" für Streichquartett ist keine leicht verdauliche Kost. Dennoch passiert es bei zeitgenössischer Musik nicht alle Tage, dass sie schon bei der ersten Begegnung so tiefe emotionale Furchen hinterlässt.
Das mag etwas damit zu tun haben, dass der 1960 in Jerusalem geborene Pianist als Komponist nicht in abstrakten – absoluten – Kategorien denkt, sondern korrespondiert mit Literatur, Geschichte und Tradition. Die aktuelle CD mit drei seiner Werke aus dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts ist Ausdruck eines tiefen Müssens. Und nicht nur deshalb denkt man dabei an Schönberg und dessen "Überlebenden aus Warschau". Denn Mishorys Musik umkreist die Thematik der Schoah, nein das ist das falsche Bild: Sie bricht aus ihr heraus, und ganz gleich wie groß die subjektiven Bezüge des Komponisten dazu sein mögen: Dass hier kein akademisch-theoretisches Klanggeflecht erwächst, ist in jedem Moment erfahrbar, schmerzlich erfahrbar.
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Zum Beispiel eben in "Psalm" (2005). Der sich scheinbar klassisch, an Schubert und Beethoven orientierende Kontrapunkt bricht nach wenigen Takten in sich zusammen und weicht schließlich einem ostinaten Staccato, in das immer wieder neues Chaos einbricht. Mit plastischen bis drastischen Mitteln schafft Mishory ein Kompendium assoziativer Klänge zu drei Gedichten Paul Celans – im Zentrum jenes mit dem Titel "Psalm", in dem sich Nihilismus und Gottessehnsucht treffen. Hier lässt der Komponist nicht nur die Instrumente sondern auch die Musiker sprechen, singen: Celans "Niemandsrose" zwischen nervösen Sekundseufzern und der durch Flageoletklänge in unerreichbare Ferne entrückten christlichen, entsprungenen "Ros’". All das in der an Kraft und Klangintensität kaum zu überbietenden Interpretation des Münchner Auritius-Quartetts.
Im zweiten Stück mit dem Titel "Psalm" (2003) dialogisieren Violoncello (bestechend, gerade in den rezitativischen Momenten: Julius Berger) und Klavier (Mishory) über Psalmen Davids: ein philosophischer Disput mit musikalischen Mitteln. Es ist dies die abstrakteste Komposition auf dieser CD – und trotz aller Expressivität die introvertierteste.
In seinem Klavierzyklus "Fugitive Pieces" (Fluchtstücke) verfolgt der Freiburger Klavierprofessor Mishory seine Technik assoziativen Komponierens am nachdrücklichsten. Er greift Schlüsselsätze aus dem gleichnamigen Roman von Anne Michaels auf, der die Flucht eines jüdischen Kindes aus Polen vor den Nazis beschreibt. Auf der Basis von Collagen (Beethoven, Brahms) gelingen Mishory Bruchstücke oder Anagramme von filmischer Ausdruckskraft – aus Musik werden Bilder, die den Hörer oft albtraumhaft verfolgen. Dass der Komponist hier sein bester Interpret ist: es überrascht nun am wenigsten.
– Gilead Mishory: Psalm – Fugitive Pieces – Psalm (Neos)
– Konzert: Nicolas Chumachenco (Violine), Gilead Mishory (Klavier). Werke von Tartini, Mishory, Haydn, Debussy, Szymanowski. Die., 17. Januar, 19.30 Uhr, Universität (K I), Aula, Freiburg.
Autor: Alexander Dick
