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13. Mai 2016

Herz, Blut und Glaubensbahn

Das Freiburger Barockorchester mit Werken von Johann Paul von Westhoff, Telemann und Bach im Konzerthaus.

  1. Sang Bach-Kantaten in Freiburg: die Sopranistin Carolyn Sampson Foto: Marco Borggreve

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. So genehmigt es sich selbst ein Johann Sebastian Bach, eine geistliche Kantate auch mal unprätentiös, gleichsam stumpf anheben zu lassen, ja beinah mit der Tür ins Haus zu fallen. Wie bei der Solokantate "Mein Herze schwimmt im Blut" BWV 199. Da hat Carolyn Sampson alsbald Gelegenheit, ihre warme, natürliche und doch intensive Sopranlyrik einzubringen. So geschehen jetzt beim Freiburger Barockorchester (FBO). Berührend wurde bei der mustergültigen Aufführung der ariose Weg des Sünders nachgezeichnet: von der Klage (umrankt von Katharina Arfkens noblen Oboenlinien) bis zum fröhlichen Singen mit freudigem Herzen. In die Welt des Chorals zu leuchten vermochte die Sopranistin bei der mit Viola-Zutaten (Annette Schmidt) garnierten Arie "Ich, dein betrübtes Kind".

Die Kantate "Tritt auf die Glaubensbahn" BWV 152 (die dem Programm auch zu seinem Motto verhalf) hat dagegen als Introduktion eine instrumentale Sinfonia mit beträchtlichem Fugenanteil. Bei der von Petra Müllejans geleiteten Darbietung durchs FBO wurde deutlich, dass dieser Abend im Freiburger Konzerthaus als ein in vielen Momenten kammermusikalischer gedacht war. Zudem konnte Isabel Lehmann ihre Blockflötenkunst zeigen. Und Andreas Wolf seine profilierte Bassbeweglichkeit. Das Gespräch von Seele (Sampson) und Jesus (Wolf) geriet zu einem innigen Dialog zweier Sänger, die harmonieren. Der hochkarätige FBO-Einsatz für Bach-Kantaten – diesmal zwei Weimarer Exemplare – ist sehr honorig. Die aktuellen Resultate nahmen für sich ein.

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Fortsetzen konnte das Barockorchester seine Rehabilitierung des oft als Vielschreiber abgetanen Komponisten Georg Philipp Telemann – ein Engagement, das zuletzt ja in der Ausgrabung des Passionsoratoriums "Seliges Erwägen des bittern Leidens und Sterbens Jesu Christi" (BZ vom 18. März) einen Höhepunkt erreicht hatte. Zum ernsten Sujet der Bach-Kantaten passte auch die gewählte Telemann-Ouvertüre – allein schon durch die Tonart f-Moll, die, wie es 1713 beim Hamburger Johann Mattheson, dem kenntnisreichsten Musiktheoretiker seiner Zeit, heißt, "eine schwartze, hülflose Melancholie" schön ausdrücke. Allem Ernst und allem Gewicht zum Trotz: Man vernahm gerade die Ouvertüre dezidiert kammermusikalisch. Die fein geschliffenen Folgesätze gerieten fast zu Charakterstücken. Wenn sich dann auch noch die beiden Blockflöten (Isabel Lehmann und Marie Deller) zu den Streichern gesellten: So klingt Anmut. Auf den langsamen Strecken, etwa bei der Sarabande, gefiel die bemerkenswerte FBO-Fähigkeit, auch eine ruhige Gangart nie statisch werden zu lassen. Der Duktus nach vorne war immer spürbar.

Der Mensch, auch der Konzertbesucher, liebt (und braucht) gelegentlich das Spektakuläre. Derlei wurde nun mit der Violinsonate Nr. 3 in d-Moll des wenig bekannten Bach-Zeitgenossen Johann Paul von Westhoff kredenzt. Bisweilen extrovertierte Kammermusik ohne geistlichen Anstrich. Gottfried von der Goltz ließ sich die Sache mit der Geigenvirtuosität nicht zweimal sagen: Bei der "Imitatione delle campane" durften die zirzensischen Zweiunddreißigstel glöckchengleich perlen. Und im Rest der Übung bildeten Laute (Andreas Arend), Cello (Stefan Mühleisen) sowie Cembalo (Torsten Johann) eine zuverlässige Continuo-Gruppe.

Autor: Johannes Adam