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19. Oktober 2012

"Ich fühle mich verraten"

BZ-INTERVIEW: SWR-Sinfonieorchester-Chef François-Xavier Roth kämpft weiter gegen die Fusion.

  1. Kämpferisch: F.-X. Roth Foto: dpa

Kämpfen bis zum Umfallen: François-Xavier Roth, der Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters, zeigt sich nicht nur bestürzt über den Fusionsbeschluss. Im Gespräch mit Alexander Dick erklärt der 40-jährige Franzose, warum er sich nicht damit abfinden will. Und wie.

BZ: Herr Roth, sehen Sie noch Möglichkeiten einer Revision oder wenigstens Veränderung der Entscheidung des SWR-Rundfunkrates?
François-Xavier Roth: Nun, für mich war dieser Tag der Entscheidung im Rundfunkrat ein sehr trauriger. Die ganze Vorgehensweise, der Prozess ist von Anfang an unmöglich abgelaufen. Vielleicht bin ich ja zu naiv, aber ich als Chefdirigent und unser Publikum, wir dachten, dass es eine Chance für uns gäbe. Natürlich befinden wir uns in einer Krise, in ganz Europa, und wir als Musiker sind auch bereit, unseren Beitrag zu leisten, um diese zu bewältigen. Wir wollten versuchen, kreativ zu sein, aber dazu hätte man auch etwas Zeit gebraucht – und Kooperationsbereitschaft.
BZ: Fühlen Sie sich von Ihrem Arbeitgeber im Stich gelassen?

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Roth: Ich fühle mich verraten. Ich spüre jetzt, dass meine Direktion von Anfang an nichts anderes wollte als diese Fusion. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Ich finde, dass unsere Gesellschaft, allen voran die Politiker, auf einem völlig verrückten Weg ist. Sie zerstören dieses unglaubliche kulturelle Erbe, das wir hier in Deutschland haben! Besonders die Musik. Und ein Orchester von Weltklasse, wie es unser Orchester ist, ist eben nicht einfach ein Unternehmen – sondern es ist zugleich eine weltberühmte Kulturinstitution und ein lebendiger Organismus .
BZ: Hat die Senderspitze Ihre Argumenten überhaupt verstanden?
Roth: Ach… Diese Leute haben sich ja gar nicht für das interessiert, was wir als Orchester für die Kultur, die Gesellschaft, die Erziehung tun. Und ich hatte immer gedacht, in Deutschland gäbe es noch Respekt vor der Kultur. Heute muss ich leider sagen: nein.
BZ: Wie sieht die Konsequenz für Sie aus? In Frankreich hat man 1789 die Bastille gestürmt – sehen Sie eine solche zum Erstürmen?
Roth: Ich werde jetzt einen ganz anderen Kampf beginnen. Heute sage ich als Künstler: Achtung, das ist unmöglich, wie man mit Kultur umgeht. Ich kann noch nicht sagen, was man machen kann. Aber die Leute überall auf der Welt, die um den Wert dieses Orchesters wissen – sie wollen mit uns kämpfen.
BZ:
Wären nicht die bevorstehenden Donaueschinger Musiktage eine geeignete Plattform für Ihre Botschaften?
Roth: Donaueschingen verkörpert in hohem Maße das, was dieses Orchester ausmacht, seine in Jahrzehnten erworbene Kompetenz. Aber sehen Sie: Der SWR möchte uns glauben machen, ein fusioniertes Orchester könne alles: Donaueschingen, Konzerte in Stuttgart, Freiburg, der Region, überall auf der Welt. Welcher Fachmann könnte so etwas ernsthaft glauben? Kein anderes Orchester als das unsere hat diese Kultur, dieses Savoir-faire für die Moderne. Wir spielen Boulez, Lachenmann, Rihm oder Widmann, wie ein anderes Orchester Beethoven spielt. Wir haben für die Donaueschinger Musiktage einen einmalig komplexen Probenplan – zusammen mit den Komponisten. Nur so konnten einmalige Werke entstehen, ambitionierte und visionäre Musik. Wie soll das zukünftig gehen? Ich sage es Ihnen noch einmal: Wenn diese Fusion passiert – und ich werde weiter dagegen kämpfen –, entsteht nicht ein neues Orchester. Sondern ein Musikerhaufen.

Autor: adi