Meisterstück barocker Musizierkunst

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mi, 08. November 2017

Klassik

Der Freiburger Bachchor unter Hannes Reich erweist seinem Namenspatron die Ehre.

Vor einer Überhöhung der Religiosität Johann Sebastian Bachs hatte schon der Freiburger Musikologe Hans Heinrich Eggebrecht gewarnt, ohne diese grundsätzlich in Frage zu stellen. Und Eggebrecht hatte ebenso konstatiert, dass Bachs Instrumentalmusik auch als religiös gelten kann – aber eben nicht sui generis.

Ort und Interpretation, ließe sich hinzufügen, können ebenso das Auratische unterstreichen. Wenn Lisa Immer und Luise Baumgartl die innige Zwiesprache zwischen Solovioline und Solooboe im d-Moll-Doppelkonzert BWV 1060 im neomittelalterlichen Raum der Freiburger Herz-Jesu-Kirche in metaphysischer Eleganz fortspinnen, ist die Transzendenz eines solchen musikalischen Augenblicks unstrittig. Die Interpretation durch das Freiburger Bachorchester unter Hannes Reich ist bestimmt von der Lust am transparenten, dynamisch gut gestaffelten Musizieren im Geiste der Concerti grossi. Die virtuosen Sologirlanden im finalen Allegro sorgen für konzentrierte, stets auch durchsichtige Klangfülle.

Was in diesem Raum keine Selbstverständlichkeit ist, da das Musizieren vom Chorraum aus durch das sich anschließende Querschiff akustische Brechungen erfährt. Doch dieses Konzert des Bachchores zum Reformationsjahr gerät in keinem Moment in Gefahr, darob seine Luzidität zu verlieren. Schon in der eingangs musizierten Kantate BWV 80 "Ein feste Burg ist unser Gott" zeigt sich eine große Sicherheit der Ensembles im polyphonen Gefüge. Das "fugweise" Schichten der einzelnen Zeilen des Luther-Lieds gerät dem exzellent aufgestellten Chor zu einem Meisterstück barocker Musizierkunst. Das Einsetzen der jeweils führenden und das gleichzeitige Zurückgehen der begleitenden Stimmen erfolgt in bemerkenswerter Sicherheit, ohne Druck, ohne "Anschleifen" der Einsatztöne. Solches gilt ebenso für die anderen mehrstimmigen Sätze, auch in der das Konzert beschließenden G-Dur-Messe BWV 236.

Hannes Reich erweist sich als profunder Chorerzieher, der aus den vier Chorstimmen ein überaus homogenes, leichtgängig klingendes Ganzes formt. Im Zusammenwirken von Chor und Orchester verfährt er genauso, auch hier agieren Tutti und Soli in perfekter Balance. Für ein stabiles, nie jedoch forciertes Fundament sorgt die Continuo-Gruppe. Schließlich: Die Vokalsolisten komplettieren das Bild eines beglückenden Bach-Abends: die kurzfristig eingesprungene Monika Rauch mit zartem, höhensicheren Sopran; Lena Sutor-Wernich mit fein geerdetem Alt; Stephan Scherpe mit leichtgängigem Tenor und Matthias Horn mit lyrischem Bass. Wie immer man Bachs Wesen begreifen mag – in diesem Konzert offenbart es sich ganz schlicht: in perfektem Klang.