Musik eines Geknechteten

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mo, 28. Januar 2019

Klassik

SWR-Symphonieorchester mit Prokofiew und Schostakowitsch.

1953 starb nicht nur Sergej Prokofiew, sondern auch Josef Stalin. Nach der großen politischen Repression nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs traute sich Dmitri Schostakowitsch nun, seine 10. Symphonie zu schreiben. Das Konzert des SWR-Symphonieorchesters im Freiburger Konzerthaus vereinte unter der souveränen Leitung von Michael Sanderling Werke beider Komponisten in einer schlüssigen Dramaturgie. Auch der ernste Ton und die Dringlichkeit der Interpretation verband die beiden Teile. Prokofiews 2. Klavierkonzert in g-Moll kann man als spektakuläres Virtuosenstück spielen. Die russische, in Hamburg lebende Pianistin Anna Vinnitskaya besitzt zwar alle technischen Fertigkeiten, um die waghalsigen Läufe und Akkordbrechungen zum Klingen zu bringen, aber Vinnitskaya schürft tiefer. Schon im ersten Satz verleiht sie im gedämpften Streicherbeginn der melodischen Linie in der rechten Hand besondere Intensität. Erst in der langen Solokadenz, die die Durchführung ersetzt, härtet sich nach und nach ihr Spiel. Die über die ganze Klaviatur reichenden Arpeggien werden unter ihren Händen nicht zum Zuckerguss, sondern zu echten Brandbeschleunigern. Unerbittlichkeit spricht auch aus dem dahinrasenden Scherzo und dem zwischen Traumverlorenheit und Bedrohlichkeit changierenden Allegretto. Aber immer wieder finden Solistin und Orchester lyrische Inseln, von denen aus sie die großen Steigerungen wie im erhitzten Finale gemeinsam entwickeln.

Auch Schostakowitschs 10. Symphonie in e-Moll geht in die Zerbrechlichkeit zurück, wenn nur die Klarinette (Sebastian Manz), die Flöte (Tatjana Ruhland) oder das Fagott (Hanno Dönneweg) ihre einsamen Klagen im ausgedünnten Orchesterapparat anstimmen. Der Dirigent zeichnet den langen Spannungsbogen des Kopfsatzes mit kluger Ökonomie. Basis der Interpretation ist der dunkel gefärbte, flexible, auch mal forcierte Streicherklang, der den tragischen Grundton vorgibt. Der häufig als Stalinporträt gesehene zweite Satz wird zu einer brutalen Hetzjagd mit hysterisch schreienden Piccoloflöten und harten, präzisen Nachschlägen im Blech, ehe Sanderling das plötzliche Ende scharf abreißen lässt.

Immer mehr schält sich das Motiv D-Es-C-H heraus – die Initialen von Dimitri Schostakowitsch. Seine Zehnte ist Bekenntnismusik eines Geknechteten. Das SWR-Symphonieorchester nimmt die Extreme der Partitur ernst. Und wenn Schostakowitsch im Finale sein Motiv in den Orchestergruppen manisch wiederholen lässt, versteht man dank der existentiellen Interpretation viel vom Überlebenskampf des einzelnen in einem autoritären, brutalen Regime.