Musikalische Hochspannung

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

So, 17. Dezember 2017

Klassik

Der Sonntag Brillante Premiere: Rossinis Aschenputtel-Oper La Cenerentola am Theater Basel.

Etwas penetrante Stoffpuppenspiele vermögen den sehr guten Eindruck nicht zu trüben, den die Regie von Antonio Latella sowie Kostüme und Orchester unter Daniele Squeo bei der Basler Premiere von Rossinis Melodramma giocoso am Freitagabend hinterließen. Große Oper mit mitreißenden Sängerinnen und Sängern.

"La Cenerentola" ist zwar das italienische "Aschenputtel", doch in Jacopo Ferrettis Adaption von Charles Perraults Märchen ist es ein anderes, vielleicht sogar glücklicheres Mädchen als in unserem Märchen der Brüder Grimm. Gioachino Rossini hätte von seinem kompositorischen Naturell her für die brutalen Taten, von denen die Grimms erzählen, keine Musik erfinden können, doch Ferrettis Libretto inspirierte den 25-Jährigen dermaßen, dass seine im Januar 1817 im römischen Teatro Valle uraufgeführte Oper "La Cenerentola ossia La bontà in trionfo" zu einem seiner größten Erfolge wurde.

Seit nun 200 Jahren hält sich der "Triumph der/des Guten" auf den Spielplänen, und am Freitag hatte die Oper einmal mehr Premiere auf der Großen Bühne des Basler Theaters. Und die Geschichte vom Mädchen, dem Stiefkind, das von seinem dumpfen "Vater" ausgebeutet und seinen beiden Schwestern drangsaliert wird, doch nach all den Demütigungen entdeckt und schließlich von einem Prinzen gefunden und erwählt wird, ist ja auch zu schön, um nicht erneut erzählt zu werden.

Rossinis Melodramma giocoso in zwei Akten in kurz gefasster Übersicht: Prinz Don Ramiro, seit dem plötzlichen Tod seines Vaters Fürst, ist auf Brautsuche. Die Töchter des Barons Don Magnifico, Tisbe und Clorinda, glauben, seine sichere Wahl zu sein, seine Stieftochter Angelina, La Cenerentola genannt, macht sich hingegen keine Hoffnungen. Als Bettler verkleidet erscheint der Hauslehrer des Fürsten Alidoro, dem Angelina zu essen und zu trinken gibt.

In der Rolle seines Kammerdieners Dandini kommt der junge Fürst zu Magnifico und lädt zum Ball im Schloss ein. Tisbe und Clorinda sagen begeistert zu, Angelina, das Aschenputtel, muss zu Hause bleiben. Doch Alidoro verschafft ihr ein prächtiges Ballkleid, und als Unbekannte erscheint sie auf dem Ball. Tisbe und Clorinda durchschauen nicht den Rollentausch, den Ramiro und Dandini vollzogen haben, und setzen auf den Falschen, Angelina auf den Richtigen. Ramiro lüftet sein Geheimnis mit der Zusage, wenn er sie, die Unbekannte, nach dem Ball wiederfinde und immer noch liebe, werde sie seine Frau. Als Erkennungszeichen gibt sie ihm einen Armreif. Alidoro fädelt das Wiedersehen ein, Ramiro bittet La Cenerentola um ihre Hand, Tisbe und Clorinda platzen vor Ärger, doch sie verzeiht ihnen und verspricht, ihrer neuen Rolle als Fürstin gerecht zu werden. La bontà in trionfo ist Wirklichkeit geworden.

Antonio Latella, der sich als Regisseur am Basler Theater einen guten Ruf erarbeitet hat, wagte sich an das Märchen vom Aschenputtel und, die Premiere am Freitag bewies es, er fand für uns skeptische Zeitgenossen in ihm eine durchaus glaubhafte Aktualität. Was in seiner Inszenierung überzeugte, war die fragile Balance der unterschiedlichsten Stimmungen, die in Rossinis Melodramma giocoso einen unterhaltsamen Reigen bilden. Momente der Burleske, ja der Farce wechseln sich übergangslos ab mit der mal offen gezeigten, mal verborgen gehüteten Emotionalität der Handelnden. Und das in Rossinis Musik, die nur gelegentlich ein Halten kennt.

Schon der 25-jährige Komponist wusste, wie seine Sprache zu singen ist und die abenteuerlichsten Szenen sich in Musik verwandeln lassen, damit Oper "funktioniert". Und Dirigent Daniele Squeo animiert das Basler Sinfonieorchester, Rossinis überbordende Fantasie zu beherzigen, und so wurden die drei Stunden am Freitag auch zur musikalischen Hochspannung.

Glaubhafte neue Lesarten und visuelle Spannung

Antonella Bersanis Bühne: Eine Gruppe von neun haushohen, prächtig ausragenden Fantasie-Bäumen überwölbt das turbulente Spiel, das sich unter ihnen raumlos austobt. Graziella Pepes Kostüme garantieren dessen permanente Vitalität; am Eindrücklichsten in der Schlussszene, indem sie die sentimentale Versuchung des Happy-end durch die groteske Kleidung Don Magnificos und seiner beiden zickigen Töchter (hervorragend Sarah Brady als Clorinda und Anastasia Bickel als Tisbe, beide vom Opernstudio OperAvenir), ins Leere laufen lässt.

Dass der junge Fürst Don Ramiro (Juan José de León) und sein Diener Dandini (Vittorio Prato) im alten Herr-Knecht-Verhältnis agieren, das heißt, dass sie nur als Paar, das eine offen homoerotische Beziehung verbindet, bestehen können, ist eine von Latellas neuen Lesarten des Melodrams. Alidoro als Wiedergänger Don Alfonsos in Da Pontes/Mozarts "Cosi fan tutte" ist ebenfalls ein neuer Aspekt. Seine penetrante Ausleuchtung der Handelnden wie sein "Strippenziehen" als graue Eminenz im Hintergrund schaffen immer erneut visuelle Spannung.

Andrew Murphy als leicht tumber Don Magnifico weiß als erprobter "Theaterfuchs", wie er zu singen und zu agieren hat, und das macht er großartig. Und Angelina, La Cenerentola? Latella versteht sie als zwar oft gedemütigte, in ihrem Innern aber selbstbewusst gebliebene junge Frau, die weiß, was sie will, und Vasilisa Berzhanskaya singt und spielt diese Doppelrolle virtuos. Faszinierend, ihr zuzuhören und zuzusehen.

Es war eine brillante Premiere, in der alles fugenlos zusammenpasste, was Rossini in seinem Melodramma giocoso an Szenen und Stimmungen aufzubieten hat. Eine Idee überbetont war hingegen das Spiel mit den großen Stoffpuppen, die daran erinnern sollen, dass Aschenputtels leiblicher Vater im ursprünglichen Märchen ein Stoffverkäufer war. Alles andere: Große Oper.
La Cenerentola Oper von Gioachino Rossini. Theater Basel, Großes Haus. Weitere Termine bis April 2018. Informationen und Karten unter http://www.theater-basel.ch oder 0041/61/295 11 33.