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11. November 2011

Poetin und Erzählerin

Neue Aufnahmen der Geigerin Susanna Yoko Henkel.

  1. Violinkunst – auch fürs Auge: Susanna Yoko Henkel Foto: pro

Ohne Optik geht’s nicht. Gut Geige zu spielen, reicht heute längst nicht mehr, will man sich erfolgreich auf dem Markt behaupten. Das weiß auch eine aufstrebende Künstlerin wie Susanna Yoko Henkel. Die Homepage der 1975 in Freiburg geborenen Violinistin demonstriert, dass Imagebildung auch im Klassikbetrieb heute zuvörderst über das Auge gesteuert wird. Und dann erst über das Ohr.

Dabei könnte es getrost auch anders herum funktionieren. Denn dass Susanna Yoko Henkels Spiel nicht nur technische Reife sondern auch reife Künstlerschaft auszeichnet, ist deutlich hörbar. Dafür gab’s auch zuletzt einen Echo-Klassik in der Kategorie Konzerteinspielung (19. Jahrhundert/Violine). In der Tat beweist Henkels Interpretation von Tschaikowskys Violinkonzert zusammen mit den Duisburger Philharmonikern unter deren Chef Jonathan Darlington ein ganz starkes Profil. Gerade dieses (allzu) oft gespielte Juwel romantischer Konzertliteratur kann schnell zum reinen Virtuosensport verkommen. Genau diesen Eindruck vermittelt der in 24-Bit-Technologie aufgenommene Live-Mitschnitt in seinem brillanten Klangbild nun überhaupt nicht. Henkels Spiel kennzeichnet ein überaus intimer, feinfühlender Duktus, der das lyrische Moment dieses dereinst als unspielbar geltenden Werks hervorkehrt. In jeder Phase zeigt sich die hohe Individualität der Interpretin, so gleich bei ihrem sinnierenden, romantisch phrasierenden Einstieg in das Konzert, als wollte sie in der Präambel sagen: Ich entführe euch jetzt in die Zauberwelt romantischer Universalpoesie.

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Und Henkel ist eine Poetin auf ihrem Instrument, eine spannende Erzählerin, der man Phrase für Phrase gebannt folgt. Das funktioniert natürlich nur, weil das "Handwerk" der Schülerin von Rainer Kussmaul und Ana Chumachenco ganz überlegen ist. Einer traumhaft sicheren Grifftechnik, auch bei den komplexesten Doppelgriffen, steht eine ausgefeilte Bogentechnik zur Seite, bei der besonders ihr Springbogen fasziniert: Das Spiccato der Doppelgrifftriolen im ersten Satz ist von hinreißender Struktur und klanglicher Grazie, als sei Violinspiel nun wirklich ein Kinderspiel.

Angesichts solcher Gestaltungskraft fallen auch die Kadenzen besonders aus. Zumal Henkel sich nicht treiben lässt oder auf Geschwindigkeitsrekorde aus ist, sondern der musikalischen Logik und freier Gestaltung den Vorzug gibt. Da verkommt keine Phrase zum artistischen Zauberstück, stattdessen erwachsen riesige Spannungsbögen, die den Hörer in ihrer dynamischen Reife in den Bann ziehen. Aus all dem erklärt sich, dass in dieser Interpretation der relativ langsame Satz nicht nur als Zäsur behandelt wird, sondern eine weit zentralere Rolle einnimmt. Henkel – und das mehr als werkdienlich begleitende Duisburger Orchester – begreifen den Titel "Canzonetta" im wörtlichen Sinn: Sie "singen" ihn wie ein ganz schlichtes Lied. Freilich erfüllt von Tiefe und Ausdruckskraft. Dass Henkels wohldosiert eingesetztes Vibrato und nicht zuletzt die warme, sonore Klangfarbe ihrer Stradivari dieses Erscheinungsbild unterstreichen, sei der Vollständigkeit halber nicht verschwiegen.

Nun wäre es voreilig aus dem zu schließen, die Tochter einer japanischen Bratscherin und des Freiburger Celloprofessors Christoph Henkel verkörpere den Prototyp einer romantischen Geigerin. Ihre aktuelle Mozart-Einspielung nämlich verrät zwar, dass ihre Künstlerpersönlichkeit großen Wert auf gestalterische Eigenwilligkeit – im positiven Sinn – legt, bis hin zu selbst verfassten, geschmackvollen Kadenzen. So geraten ihre Interpretationen der Konzerte G-Dur KV 216 und A-Dur KV 219 zu einer selbstbewussten, expressiven Annäherung an das Genie Mozart, bei der man unwillkürlich an die ausdrucksstarken Einspielungen großer Mozart-Geiger aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts denkt. Die gestalterische Finesse der beiden Rondeau-Sätze spricht allein schon Bände. Andererseits macht Henkel mit ihrer bestaunenswerten Bogentechnik, ihrem variablen Ton und ihrer an der Mozart-Aufführungspraxis geschulten Ornamentik auch klar, dass historische Informiertheit für sie kein Fremdwort ist. Das begleitende Litauische Kammerorchester tut es ihr gleich. Allerdings befremdet die oft extreme Basslastigkeit des Begleitens doch etwas. So ein derbes, gar stampfendes Gerüst hätte Henkel formidabler Ton wirklich nicht nötig.
– Tschaikowsky: Konzert für Violine und Orchester. Duisburger Philharmoniker, Jonathan Darlington (Acousence).
– Mozart-Violinkonzerte 3 & 5. Rondo & Adagio. Litauisches Kammerorchester. (The spot records).
Konzert: Susanna Yoko Henkel (Violine), Laura Skride (Klavier). Werke von Mozart, Strawinsky, Debussy, Prokofjew. 15. November, 20 Uhr, Historisches Kaufhaus, Freiburg. Tel. 0761/4968888.

Autor: Alexander Dick