Revolution nach Noten

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mi, 14. November 2018

Klassik

Freiburg: Eliahu Inbal, Ludwig-Trio und SWR-Symphonieorchester.

Angst vor großen Tieren – man denke an seine Bruckner- und Mahler-Deutungen – hatte Eliahu Inbal nie. Zudem absolut werkdienliche Souveränität prägte jetzt auch das Engagement des vitalen 82-Jährigen beim SWR-Symphonieorchester im ausverkauften Freiburger Konzerthaus. Aus Richtung Dirigentenpult nun show- und selbstdarstellungsfrei konnte man den Currentzis-Klangkörper dort mit der Sinfonie Nr. 11 des Russen Dmitri Schostakowitsch erleben. Inbal benötigt zwar die Partitur, bei ihm indes genügt schon die eher kleine Geste, um Wirkung zu erzielen. Präzis wie eine Atomuhr kamen da mit der linken Hand die Einsätze. Immer wieder zeigte sich der Dirigent bei dem viersätzigen Einstünder von 1957 als Meister des Strukturierens und der Stringenz – lediglich in der Kopfsatz-Mitte meinte man bisweilen, ein minimales Durchhängen zu spüren.

Ein lieblicher Beethoven

Dennoch hatte jener Satz seine Qualitäten. Berührend, wie Inbal bei dieser politischen Musik – die g-Moll-Sinfonie trägt den programmatischen Untertitel "Das Jahr 1905" – nachgerade mystisch und kultisch die Leere inszenierte. Eisige Kälte, auch in den Herzen. Bei einem Volk, dem der Glaube an Besserung der Verhältnisse abhandengekommen ist. Bei der Erinnerung an den "Petersburger Blutsonntag" und dessen Massaker. Nicht mit Mozart hat man es zu tun, sondern eben mit Schostakowitsch. Letzterer nutzt für seinen sogar den Lärm einschließenden Diskurs virtuos den großorchestralen Apparat. Auch ohne die genaue Kenntnis der zitierten russischen Volkslieder kann man den Stationen vom Palast bis zum Sturmgeläut folgen.

Dieser selbst vor dem Tumult nicht haltmachenden Musik zwischen Aufbegehren und Ermattung, Attacke und Resignation – und vielleicht doch einem Fünkchen Hoffnung. Die (Blech-)Bläser in ihrer beinah Mahler’schen Signalhaftigkeit, das schwere Blech in seiner Opulenz, die melancholische Streicherbasis um Konzertmeister Christian Ostertag, die häufig bemühte Schlagwerk-Fraktion (Pauken!), die wunderbaren Soli (Englischhorn!): Dieses Werk, bei dem die Folie der klassischen Viersätzigkeit in ihrer musikalischen Typologie signifikant bleibt, erklang unter Inbal ungemein verbindlich. Als Revolution nach Noten. Eine farbige Aber-doch-Musik. Kunst, die womöglich helfen kann – wenn auch nur zum nackten Überleben. Dirigent und Orchester bewiesen packende Intensität und höchste Schostakowitsch-Kompetenz.

Teil I des Abends hatte im Zeichen des Leichteren gestanden – auch wenn der Komponist Beethoven hieß. Mit dem Ludwig-Trio kam dessen seltenes Tripelkonzert aufs Tapet. Kaum je gibt sich Beethoven so empfindsam, so lieblich und eben amabile wie bei diesem drei Solisten beschäftigenden C-Dur-Opus. Die Interpreten trugen dem Rechnung. Nicht nur im terzverwandten As-Dur-Largo legte Arnau Tomàs besten Cellogesang an den Tag. Im ersten Satz tendierte sein geigender Bruder Abel trotz aller Güte jedoch schon mal etwas zum Alleingang. Durchweg schönes Klavierperlenspiel kam von Hyo-Sun Lim. Bei Inbal und dem SWR-Orchester wirkte Beethoven tatsächlich leicht und bewegt, Titanisches trat da nur momentweise hervor. Oft bot das Ludwig-Trio sehr attraktive Kammermusik.

So dann auch bei der zwischen Klezmer, Wienerischem und Volkston angesiedelten und mit Sentiment kredenzten Trio-Zugabe: Fritz Kreislers "Marche miniature viennoise".