Interview

Sol Gabetta über ihre Musik und die Beziehung zu Freiburg

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mo, 15. Januar 2018 um 16:30 Uhr

Klassik

Der Sonntag Die Cellistin Sol Gabetta schätzt Konstanz, ist seit der Geburt ihres Kindes bei Konzerten noch entspannter und sucht immer nach dem roten Faden. Am Montag tritt sie in Freiburg auf. Ein Gespräch.

Nicht nur in Freiburg ist Sol Gabetta ein Publikumsliebling. Die in der Schweiz lebende Cellistin begeistert durch technische Perfektion, Natürlichkeit und besondere Hingabe. Vor ihrem Freiburg-Konzert mit Schumann, Britten und Chopin sprach sie über musikalische Partnerschaften, Muttersein und die Herausforderung, im großen Saal Kammermusik zu spielen.

Der Sonntag: Was verbinden Sie mit Freiburg?

Ich komme sehr gerne hierher. Zunächst liegt die Stadt nicht weit von meinem Wohnort Olsberg bei Basel entfernt. Freiburg ist kompakt, hat aber eine Menge Kultur zu bieten. Wir sind jetzt auch mit meinem Solsberg-Festival im Sommer ziemlich nah an die Stadt gerückt und haben Konzerte in Hinterzarten und St. Peter veranstaltet. Es gibt in Freiburg ein wunderbares, aufgeschlossenes Publikum.

Der Sonntag: Bei Ihrem Konzert treten Sie mit Ihrem langjährigen Klavierbegleiter Bertrand Chamayou auf. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Ich habe einmal wegen eines Cello-Wettbewerbs bei den Eltern von ihm in Toulouse übernachtet. Bertrand wohnte damals schon in Paris, er kam aber am Wochenende zu Besuch nach Hause. Wir haben uns gleich angefreundet, aber noch lange nicht zusammen musiziert. Ich habe dann eines meiner ersten Rezitals in der Glocke in Bremen mit ihm gespielt – das muss 2004 gewesen sein. Ich dachte, dass der Saal eine kleine Kapelle sei, und wollte das mal mit ihm ausprobieren. Wir hatten viel Zeit zu proben. Das war auch gut, weil wir dann doch gleich in einem sehr großen Rahmen auftraten.

Der Sonntag: Was schätzen Sie an ihm?

Obwohl wir als Menschen und auch als Musiker sehr unterschiedlich sind, finden wir im Spielen zu einer Einheit. Er ist einer der wenigen Kollegen, bei dem ich im Musizieren gar keine Kompromisse machen muss. Wir haben uns während der letzten Jahre ein großes Repertoire erarbeitet. Mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja habe ich auch seit vielen Jahren eine enge musikalische Partnerschaft. Diese Konstanz ist wichtig für mich.
Der Sonntag: Sie haben im letzten Jahr Ihr erstes Kind bekommen und gaben noch bis kurz vor der Geburt und auch schon bald danach Konzerte. Können Sie auf das Cello nicht verzichten?

Eine Sache verhindert nicht die andere. Natürlich ist es für einen Mann einfacher als für eine Frau, aber ich habe sehr viel Unterstützung. Es ist alles machbar, solange das Kind und ich gesund sind. Wie alles im Leben ist es eine Frage der Organisation. Mein Kind ist natürlich ein großes Geschenk für mich. Meine Konzerttermine werden rund zwei Jahre im Voraus geplant. Natürlich musste ich rund um die Geburt einige Konzerte absagen, aber ich habe auch eine Verpflichtung gegenüber meinen Konzertveranstaltern. Deshalb habe ich bald wieder Cello gespielt.

Der Sonntag: Viele Sängerinnen sagen, dass eine Schwangerschaft sie auch als Künstlerinnen verändert. Die Stimme wird ein wenig tiefer, die Nervenanspannung im Konzert geringer, weil sich die Prioritäten verändern. Haben Sie sich als Künstlerin verändert durch Ihr Kind?

Ich denke schon, aber es ist schwer, sich selbst zu beobachten. Ich war immer schon gerne auf der Bühne. Aber ich habe das Gefühl, jetzt noch entspannter zu sein. Es gibt einfach Wichtigeres. Ich habe jetzt oft direkt vor dem Konzert mein Kind gestillt.

Der Sonntag: Bei den Albert-Konzerten kombinieren Sie die "Fünf Stücke im Volkston" von Robert Schumann mit der g-Moll-Sonate von Chopin und der C-Dur-Sonate von Benjamin Britten. Statt Chopin war eigentlich die F-Dur-Sonate von Brahms geplant. Warum die Programmänderung?

Leider waren sowohl Bertrand als auch ich krank zwischen den Jahren. Die F-Dur-Sonate von Johannes Brahms wäre für uns als Duo ein neues Werk gewesen. Da wir nun nicht ausreichend Proben dafür gehabt hätten, mussten wir das Programm ändern und haben mit der Chopin-Sonate ein Werk gewählt, das uns sehr vertraut ist und das wir schon auf CD aufgenommen haben. Unser Konzert in Bilbao mussten wir leider absagen; das in Freiburg wollten wir unbedingt spielen, aber jetzt eben mit dieser Programmänderung.
Der Sonntag: Worin liegt die Herausforderung bei diesem Programm?

Die fünf Stücke im Volkston von Robert Schumann werden relativ selten gespielt, obwohl sie eigentlich für das Publikum eingängig und leicht klingen. Der Cellopart ist allerdings sehr anspruchsvoll und delikat. Jedes Stück trägt einen ganz speziellen Charakter. Es ist nicht immer einfach, die thematischen Verbindungen zu entdecken. Diesen roten Faden müssen wir finden. In der Klavierstimme besteht ein gewisser Minimalismus, der es für Bertrand aber nicht leichter macht, weil die Stücke trotzdem sehr komplex sind. Die Britten-Sonate, die man auch nicht häufig hört, ist ein sensationelles Stück. Sehr klassisch, aber auch ungemein effektvoll. Die Sonate von Chopin schließlich ist nicht so leicht zu verstehen. In ihren verstrickten Strukturen besteht sicherlich eine Verbindung zu Schumann.
Der Sonntag: Zwei Musiker können sich im großen Saal des Konzerthauses Freiburg verlieren. Was tun Sie, um auch die Zuschauer in den hinteren Reihen zu erreichen?

Es ist nicht einfach, Kammermusik in einem großen Saal zu spielen. Wenn man zu viel Ton gibt, dann verliert man auch an Nuancen. Ich versuche, so intensiv wie möglich zu spielen – auch im Piano. Britten und Chopin wird im Konzerthaus Freiburg sehr gut funktionieren. Schumann ist heikel. Deshalb fangen wir mit Schumann an, damit die Zuhörer die Ohren spitzen. Und wenn wir hier eine ganz konzentrierte Stimmung im Publikum schaffen können, dann kann das für jeden Einzelnen ein besonderer Abend werden.
Sol Gabetta, Violoncello, Bertrand Chamayou, Klavier, morgen, Montag 15. Januar, 20 Uhr, Konzerthaus Freiburg, Rolf-Böhme-Saal (Konrad-Adenauer-Platz 1), Karteninfo: http://www.bz-ticket.de