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07. Februar 2012

Fusion?

Szenen einer (un)möglichen Zwangsehe

Es soll gespart werden: Der Südwestrundfunk will die Zukunft seiner beiden großen Orchester neu verhandeln. Allerdings: Auch in der Musik lassen sich Identitäten nicht klonen.

  1. Foto: SWR

  2. Hochzeit, nein danke: die beiden Fusionskandidaten, das SWR-Orchester Freiburg (links) und das RSO Stuttgart Foto: swr

Die Anleihe bei Udo Jürgens sei erlaubt. Dessen Klassiker "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an" wird für manche Musikerinnen und Musikern des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg (SO) dieser Tage wie ein schlechter Scherz klingen. Gerade, am 1. Februar, ist der Klangkörper 66 Jahre alt geworden. Und gerade dringt an die Öffentlichkeit, dass der SWR die Zukunft seiner beiden großen Orchester – des hiesigen und des Radiosinfonieorchesters Stuttgart (RSO) – neu verhandelt. Mit "ergebnisoffenem" Ausgang, wie es in der Zweiländeranstalt heißt. Was bedeutet: Alles ist drin – bis zur ultima ratio Fusion.

Das Fachblatt Neue Musikzeitung (NMZ) äußert schon jetzt Zweifel: "Internen Plänen zufolge", heißt es da, "sollten beide Klangkörper zu einem ",Superorchester‘ von 115 Musikern fusioniert werden". Derzeit verfügt das RSO über 102 Planstellen, das SO über 98. Hörfunkdirektor Bernhard Hermann, in dieser Eigenschaft auch für die Klangkörper des SWR zuständig, zeigt sich darob verwundert. Am Rande seines Besuchs beim Orchester in Freiburg gestern versicherte Hermann, es gebe noch keinerlei Entscheidung. Das Problem, dass dem SWR bis 2020 etwa 166 Millionen Euro in der Kasse fehlten, sei hinlänglich bekannt. Hermann: "Wir haben seit der Fusion SDR/SWF einen Schutzzaun um die beiden Sinfonieorchester aufgebaut." Von den Einsparungen Mitte des vergangenen Jahrzehnts seien beide Klangkörper weitgehend unberührt geblieben. "Das Problem jetzt ist viel gravierender: Die Gesellschaft gibt uns einfach nicht mehr das Geld – man will uns heruntersparen. Das heißt, wir müssen jetzt darauf achten, dass im Gesamthaus die Statik bestehen bleibt", sagt Hermann mit Verweis auf ausbleibende Gebührenanpassungen bis 2015. Woraus die Sparauflagen für beide Orchester folgten – 25 Prozent oder jeweils 2,5 Millionen Euro.

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So neu sind die Szenarien um den Abbau und Umbau von Klangkörpern bei der ARD gar nicht, beim einstigen Südwestfunk reichen sie zurück ins ausgehende 20. Jahrhundert. Der damalige Freiburger Oberbürgermeister Rolf Böhme hatte 1994 durch ein großzügiges, umfassendes Angebot nicht nur den Umzug des SO von der Oos an die Dreisam möglich gemacht, sondern auch Diskussionen um die Zukunft des Orchesters beendet. Und der Orchesterstandort Freiburg gewann dadurch an Profil und Attraktivität – die neue sinfonische Koexistenz beflügelte auch das Philharmonische Orchester. Indes: Die bestehenden Verträge mit dem SWR laufen 2013 aus. Für den Freiburger Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach steht gleichwohl fest: "Freiburg muss Standort bleiben." Eine Zerstörung des SO sei "unvorstellbar". Kirchbach sieht sich da auch im Konsens mit Oberbürgermeister Dieter Salomon und kann sich vorstellen, dass die Stadt Freiburg zum gegebenen Zeitpunkt initiativ werden müsse. Fragt sich, wann der ist. Denn der Prüfungsprozess aller Möglichkeiten hat erst begonnen. Drei davon sind denkbar: Erstens – Status quo. Bernhard Hermann findet das angesichts der Geldknappheit "nicht sonderlich verantwortungsvoll", denn: "Nach zehn Jahren sind beide Orchester drittklassig." Das zweite Szenario – beide Orchester bleiben an ihren Standorten, auf etwa 70 Stellen pro Orchester reduziert, und helfen sich für große Besetzungen gegenseitig aus – hält Hermann für "nicht steuerbar". Schon aus logistischen Gründen. Bleibt da nicht allein die Variante drei – Fusion? Hermann: "Wenn ich eine Lösung angeboten bekomme, die den Erhalt beider Orchester künstlerisch und ökonomisch sichert, bin ich der Letzte, der nein sagt."

Eine solche Lösung zu finden fest entschlossen ist der neue Freiburger SO-Chefdirigent François-Xavier Roth. "Ich will das Wort gar nicht aussprechen: Fusion", sagt er, "ich akzeptiere nicht die Idee". Mit Blick auf die internationale Reputation dieses Referenzorchesters der Neuen Musik seit 1946 könne er es nur immer wieder betonen: "Dieses Orchester ist so einmalig." Und zieht einen Vergleich: Wenn der französische Staat Geldsorgen hat, kommt er auch nicht auf die Idee, die Mona Lisa zu verkaufen...

Der neue Chefdirigent und die Musiker wollen deshalb nicht allein auf der Ebene von Zahlen diskutieren. "Wenn wir als Musiker unentgeltlich in die Schulen gehen, erfüllen wir unseren Rundfunkauftrag: Wir erziehen die Gebührenzahler von morgen", sagt Harald Paul vom Orchestervorstand. Seine Kollegin Uta Terjung fragt: "Die ARD plant für 40 Millionen Euro einen neuen Jugendkanal. Da könnte man die Orchester intelligent einsetzen. Warum ist niemand an uns herangetreten?" Die Zeichen stehen auf Kampf. Für dieses Traditionsorchester, nicht die Partikularinteressen. Denn Kündigungen soll es ja in keinem Fall geben. Aber dass eine Fusion einen riesigen "Scherbenhaufen" hinterlasse, davon sind alle fest überzeugt. Auch in der Musik lassen sich Identitäten nicht klonen.

Autor: Alexander Dick