Lucerne Festival

Unsichtbares Musiktheater: Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 30. August 2018 um 19:44 Uhr

Klassik

Erst in einem Jahr wird Kirill Petrenko sein Amt als Chef der Berliner Philharmoniker antreten. Ihr Auftritt in Luzern zeigt schon deutlich, wohin ihre gemeinsame Reise gehen kann.

Man fühlt sich an seine Kindheit zurückerinnert. So ungeduldig war man an Weihnachten vor der Bescherung. Wann ist es endlich so weit, was gibt es, werden die sehnlichsten Wünsche erfüllt? Und dann endlich öffnet sich die Tür, die zum Konzertpodium im Luzerner KKL, und herein kommt nicht das Christkind, sondern eine andere messianische Figur: ein kleiner, energisch wirkender Mann mit perfekt geschnittenem Vollbart, in der wohlbekannten schwarzen Stehkragen-Sakko-Kombination: Kirill Petrenko. Jetzt ist Bescherung.

Natürlich lebt auch der Klassikbetrieb von seinen Ritualen, seiner Inszenierung. Aber diese ist etwas Besonderes. Weil, erstens, die Frage, wer Chef der Berliner Philharmoniker – dieser einzigartigen deutschen Kulturinstitution – ist, eine geradezu elementare ist. Und weil, zweitens, in diesem Fall der Neue sein Amt noch gar nicht angetreten hat. Kirill Petrenko ist noch immer Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, er wird diese Funktion sogar noch ein Jahr lang parallel zu seinem Chefposten in Berlin ausüben, in der Spielzeit 2019/20. Da gewinnen die beiden gemeinsamen Berliner Programme in der aktuellen, neuen Saison natürlich an zusätzlicher Symbolkraft. Spannender kann man einen Wechsel an der Spitze nicht inszenieren.

Beethoven und Strauss – die DNS dieses Orchesters

Der Auftritt beim Lucerne Festival rundet die Serie der drei Auftaktkonzerte ab, vorausgegangen waren die Saisoneröffnung in der Philharmonie und ein Benefizabend im Schlüterhof zugunsten des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses. Die Philharmoniker üben sich in positiver nationaler Symbolik. Dazu gehören auch die Inhalte – Musik von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven. Das ist die DNS dieses Orchesters, und wer mit ihm einen gemeinsamen Weg gehen will, muss dazu eine Haltung haben.

Das ist der Fall. Petrenko lässt schon durch die so genannte deutsche Sitzordnung – erste Violinen links, zweite rechts – keine Zweifel daran, dass er mit dem deutschen Repertoire nicht fremdelt. Sein Strauss ist kein domestizierter, kein gebändigter. Den "Don Juan" lässt er losstürmen als jungen Wilden, klanglich brillant, virtuos und doch so voller Sinnlichkeit. Die Violinsoli von Konzertmeister Daishin Kashimoto und der so ungemein verführerische Oboenklang Albrecht Mayers etwa versprühen solche tönende Erotik. Wenn Don Juans scheinbare Unbesiegbarkeit scheitert am eigenen Überdruss, dann passiert etwas Elementares – Petrenko drängt den Zuhörer in die Rolle dieser Figur. Dieser Dirigent kommt aus der Oper, das will er gar nicht verhehlen. Und was er und die phantastisch motivierten, hochkonzentrierten Philharmoniker hier zaubern, wenn sie Don Juan in einen letzten orgiastischen Taumel hineinjagen, bevor eine gewaltige Zäsur das Vanitas-Ende andeutet, ist unsichtbares Musiktheater, grandios.

Auch in der kontemplativeren Tondichtung "Tod und Verklärung" wird das (Über-)Sinnliche zum Ereignis. Die Interpreten haben kein künstliches Pathos nötig, wenn sie das "Idealthema" zart anmodellieren und immer deutlicher herausformen, ohne übertriebenes Pathos, aber in einem hinreißenden Steigerungsprozess. Die lange Stille nach dem Schlussakkord im ausverkauften Großen Saal des KKL unterstreicht, wie tief die Interpreten berühren.

Nach dem Schlussakkord von Beethovens siebter Sinfonie ereignet sich das Gegenteil, der Saal scheint zu explodieren. Verwundert es? Was die Interpreten mit diesem Allegro con brio-Schlusssatz anstellen, grenzt an Hexerei, auch wenn die Methodik einfach scheint: sich dem Rausch der Geschwindigkeit bedingungslos hingeben. Oder dem der Revolution? Als "Chaos, tönend gemachte, formlos Urkraft" hat der Musikwissenschaftler Hans Mersmann diese Musik beschrieben – Petrenko und das Orchester wahren aber die Form, auch wenn sie mit ihren Accelerandi fast den Eindruck erwecken, als wollten sie ihr entfliehen.

Ja, dieser Kirill Petrenko hat etwas zu sagen zu Beethoven. Den einmaligen, charismatischen Streicherklang der Philharmoniker fordert und fördert er, macht aber klar, dass er nicht unbeeindruckt von historisch informiertem Musizieren ist; etwa wenn im ersten Satz die Violinen die "leere" E-Saite herausknallen lassen dürfen. Sinnstiftend klammert Petrenko jeweils die Sätze eins und zwei sowie drei und vier aneinander und unterstreicht so die dem Werk immanente Steigerung aus der Bewegung heraus. Einer Bewegung, die bis zum Bersten mit Spannung geladen ist; gerade auch dann, wenn sie im äußersten Pianissimo nahezu erstirbt – das Feuer erlischt nie. Alles deutet darauf hin, dass das auch das richtige Bild ist für diese neue große "Liebesbeziehung" der Klassik.