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11. Dezember 2009

Von Parsifal zum Pausenzeichen

Stephan Mösch ist mit seiner Abhandlung über Wagners Bühnenweihfestspiel das wohl wichtigste Musikbuch des Jahres gelungen

  1. Blick in den Gralstempel: Bühnenbildentwurf zur Uraufführung 1882 Foto: Richard-Wagner-Museum

Es mag verwundern. Noch immer vergeht kein Jahr mit Buchneuveröffentlichungen zum Themenfeld Richard Wagner. Dabei ist über kaum einen anderen Komponisten so viel geschrieben worden. Auch blanker Unfug. Das macht es nicht leichter für Autoren, dem Gegenstand noch Interessantes oder gar grundlegend Neues abzugewinnen. Umso höher ist Stephan Möschs Abhandlung über Wagners letzte Oper "Parsifal" einzuschätzen, gelingt hier doch einem Autor das scheinbar Unmögliche: ein nahezu neuer, unvorbelasteter Blick auf einen kontrovers diskutierten Topos der Musikgeschichte, der den Philosophen Friedrich Nietzsche zur polemischen Einschätzung, dieses Werk sei Wagners "Kniefall vor dem Kreuz" veranlasste.

"Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit. Parsifal in Bayreuth 1882–1933" – der wagnerische Stabreim macht hier auch inhaltlich Sinn – fasziniert schon ob des Umfangs des gesichteten Materials. Der Autor – Chefredakteur der Fachzeitschrift "Opernwelt" – konnte in diesem Band auf bislang nicht gesichtete Quellen zurückgreifen, wie zum Beispiel das Tagebuch von Marianne Brandt, jener Sängerin, die ursprünglich für die Rolle der Kundry bei der Uraufführung vorgesehen war, sich aber im Laufe der Probenarbeiten die Missgunst des Komponisten zuzog. Aus diesem Beispiel wird schon deutlich, dass Möschs Betrachtungen im Falle des "Parsifal" auf zwei Faktoren abzielen: Aufführungspraxis und Weltanschauung.

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Mösch beschreibt diese seine methodische Ebene ganz einfach: "Es ist der Versuch, ein Stück Festspielgeschichte als Aufführungsgeschichte zu erzählen, erfragen, erwecken..." Genau solches gelingt dem Autor in seiner Habilitationsschrift auf zudem noch höchst lesenswerte Weise, vielleicht auch, weil der ausgebildete Sänger Mösch sich nie allein in der Betrachtung ideengeschichtlicher und ideologischer Rahmenbedingungen verliert, sondern diese auch in einen pragmatischen Kontext stellt. Alle Aufführungsbedingungen, von der Regie über die Bühnentechnik, Sänger, Dirigenten und Orchester bis hin zum Publikum finden Eingang in die Betrachtungen. Es kommen interessante Ergebnisse zutage: etwa dass die viel gelobten akustischen Verhältnisse im Bayreuther Festspielhaus gerade in den Anfangsjahren nicht von Komplikationen frei waren und zum Teil erst im Nachkriegs-Bayreuth optimiert werden konnten. Der Autor hat neben Quellenstudien auch in zahlreichen Gesprächen mit Praktikern, von Wolfgang Wagner bis Daniel Barenboim, derlei recherchieren können, und gerade diese Passagen sind es, die das Buch auch für interessierte Laien so interessant machen. Dass der "Parsifal"-Klang der Uraufführung 1882 ein anderer war als der der Bayreuther Festspielgegenwart, hat weitere Gründe, im Buch sorgfältig erörtert: Stimmung, Gesangsästhetik, Sprecherziehung... Eine Botschaft des Buches überrascht wenig, auch wenn sie an keiner anderen Stelle bislang so intensiv und schlüssig diskutiert worden ist: Rezeption und Wirkungsgeschichte. Nicht der "Ring des Nibelungen" – "Parsifal" als "Bühnenweihfestspiel" hat Bayreuth endgültig Kultstatus verliehen und leistete dem Bayreuther Antisemitismus nachhaltig Vorschub. Allerdings erst postum. Das produktive Scheitern der Uraufführung ist von Wagners Witwe Cosima in subtil-perfider Weise dem jüdischen Dirigenten Hermann Levi untergeschoben worden, und die "hohe Frau" war es auch, die die Sakralisierung des "Parsifal" vorantrieb, durchaus auch via Aufführungspraxis: "Je mehr Wagners direkter Einfluss schwand, desto wichtiger wurde eine ideologische Fixierung auf die Sprache", bemerkt der Autor. Der besondere, oft als "Bellcanto" verspottete Bayreuther Gesangsstil emanzipierte sich in jenen Jahren.

Und auch das arbeitet dieses vielleicht wichtigste Musikbuch des Jahrgangs 2009 schlüssig heraus: Der Weg von der Sakralisierung zur ideologischen Verbrämung war damit endgültig geebnet. "Und seit dem 1. Mai (1933) diente das Gralsthema aus Parsifal beim Reichssender München als Pausenzeichen", schließt der Autor seine Betrachtungen lakonisch.

– Stephan Mösch: "Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit. Wagners ,Parsifal‘ in Bayreuth 1882–1933". Bärenreiter Verlag, Kassel / Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2009, 455 Seiten, 59 Euro.

Autor: Alexander Dick