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13. Januar 2010

109 zum Hundertneunten

Ein Freiburger Albert-Konzert mit gleichen Opuszahlen

Die Konzeption des Abends sorgt in der Pause für heftige Diskussionen. "Schnapsidee" sagen die einen, während sie andere reizvoll finden. Nun, eine charmante Spielerei ist es allemal, zum 109. Geburtstag der Freiburger Albert-Konzerte lauter Werke der Opuszahl 109 aufs Programm zu setzen. Und weil es sich um einen Kammermusikabend handelt und der instrumental überschaubar bleiben muss, müssen zum Beispiel so gewichtige Werke wie Dvoráks Sinfonische Dichtung "Das goldene Spinnrad", Sibelius’ Schauspielmusik zu Shakespeares "Sturm" oder auch Brahmsens "Fest- und Gedenksprüche" für gemischten Chor – allesamt op. 109 – unberücksichtigt bleiben...

Was im voll besetzten Konzertsaal der Musikhochschule erklingt, ist dennoch von erlesener Faktur, wie gleich zu Beginn Beethovens E-Dur-Klaviersonate, ein pianistisches Spätwerk, das man heute im Konzertalltag nicht selten in Gesellschaft seiner Schwestern op. 110 und 111 erlebt. Altmeister Bruno Canino begegnet als unerschütterlicher Grenzgänger zwischen Tradition und Moderne diesem immer wieder so modern anmutenden Stück mit Beethoven’schem Espressivo, eingekleidet in nüchtern-analytische Haltung. Eine Interpretation, die zur fortwährenden Konzentration bei Zuhören zwingt, weil sie, zumal anschlagtechnisch, selbst im Liedhaften des Schlussthemas in seiner Urgestalt nichts Gewinnendes, nichts Kantilenenhaftes offeriert. Vielleicht nimmt sich der große Liedbegleiter Canino als Solist allzu sehr zurück, was in diesem Fall jedoch eine allzu schroffe, abweisende – uncharismatische – spielerische Haltung gebiert.

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Höhepunkt ist Regers Es-Dur-Streichquartett


Anders ist das dort, wo er begleitet. Im Duo mit Bruno Weinmeister erwächst Mendelssohns Lied ohne Worte in weit größerer klanglicher Leidenschaftlichkeit. Weinmeisters üppiger Celloton verweigert nicht die Romantik, im Gegenteil er befördert sie. Über manche intonatorische Unebenheit, wie beim Mendelssohn-Mittelteil oder im Schlusssatz von Faurés d-Moll-Sonate lässt sich indes nicht immer hinweghören, wenn gleich über der Interpretation des späten Fauré-Stücks ein passender Schleier der Trauer und des Abschieds liegt und dessen rhythmisch komplexer Kontrapunkt dagegen in großer Transparenz ersteht.

Höhepunkt des 109-Abends ist dann aber doch Max Regers Es-Dur-Streichquartett. Allein weil seine Interpreten – das exzellent aufgelegte Leipziger Streichquartett – Regers kunstvollen Klangmetamorphosen mit größtmöglicher Sorgfalt begegnen. Das Fortspinnen von Motivkomplexen über mehrere Instrumente hinweg entführt den Hörer in einen klanglichen Zaubergarten. Ebenso ergreifend wird Regers Ton dort gepflegt, wo er, wie im Larghetto, jenseits des chromatischen Geflechts Verinnerlichung und Einfachheit suggeriert oder auch am Ende des Presto-Satzes mit seinem sensiblen Auströpfeln im Pizzicato. Dass die Leipziger als eines der ganz wenigen Streichquartette der Gegenwart sich noch auf die Kunst eines dunkel timbrierten, "deutschen" Streicherklangs verstehen, tut Regers Musik besonders gut. Das Publikum spürt’s und applaudiert – weit über 109 Sekunden.

Autor: Alexander Dick