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08. November 2013

Bachs Musik neu erfunden

Bach & Recomposed im Gare du Nord in Basel.

Bach weiterzukomponieren ist immer ein Risiko. Denn wem da nichts Neues, wirklich Unerhörtes, einfällt, hat schon verloren. Und verloren hat auch, wer dabei handwerklich nicht alle Möglichkeiten seines Metiers erkennt und anwendet. Doch das Wagnis reizt, sich im Steinbruch Bach zu schaffen zu machen. Einer dieser Mutigen ist der 1973 in Danzig geborene Tomek Kolczynski, der in der Schweiz aufwuchs und von 1997 bis 2002 in Basel Audiodesign bei Wolfgang Heiniger studierte und anschließend freie Improvisation bei Alfred Zimmerlin und Fred Frith an der hiesigen Musik-Akademie; Kolczynski lebt in Basel. Derart geschult wagte er sich an den großen Kollegen heran, um ihn mit seinen elektronisch erzeugten Klängen "to recompose". Am Mittwoch machten er, die Pianistin Tamar Halperin, der Geiger Etienne Abelin und der Klangregisseur Amadis Brugnoni daraus im Gare du Nord ein eineinhalbstündiges spannendes Konzert.

Wie geht Kolczynski vor? Er hat neun Sätze aus Bachs Sechs Sonaten für Cembalo und Geige (BWV 1014-1019) ausgewählt, die er im Original (allerdings auf einem Steinway und einer modernen Geige) spielen lässt, um sich attacca an die Musik anzuhängen und sie klanglich leicht oder stark verfremdet neu erklingen zu lassen. Aber es geht ihm nicht nur um neue Klänge, denn es werden ebenso Themenfragmente als Puzzleteile eingesetzt, die eher nebenbei eine neue kompositorische Struktur ergeben. Auffällig war, dass von den neun Bach-Sätzen sieben langsame waren und nur zwei schnelle. Diese wohl bewusste Auswahl erlaubt es Kolczynski, die Musik als rekomponierte vor allem als ruhige, verfremdete Klangerlebnisse vorzuführen.

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Was, gesamthaft gehört, durchaus überzeugte, war Kolczynskis glückliche Hand, den verinnerlichten Charakter der langsamen Sätze in seiner Version nicht zu beschädigen. Auch dann, wenn er in den tiefen Bässen den Rhythmus pointiert, hat man als Hörer den Eindruck, dass er Bach wirklich weiterdenkt und nicht darauf aus ist, sich auf dessen Kosten effektvoll in Szene zu setzen. Es gibt Phasen, da kann seine Rekomposition kurzfristig "schwächeln", wenn etwa die Achttonfigur der linken Hand in Bachs Andante in der h-moll Sonate (BWV 1014) in einer Endlosschleife wiederholt wird, um der Improvisation über ihr Rückhalt zu geben. Doch das sind die Ausnahmen; die ersten Höreindrücke besagen, dass der rekomponierte Bach immer in der geistigen Nähe des Alten bleibt, ohne ihn zu imitieren oder gar "auszuschlachten". Dieser Hörbefund gilt auch für die "Baustelle": Tamar Halperins Improvisation über ein Tempo di Minuetto der 5. Partita (BWV 829) mit Kolczynski als begleitendem Percussionisten. Zu erwähnen ist noch, dass Halperin/ Abelin ein genau aufeinander hörendes Duo sind, das dank des schönen Anschlagsspiels der Pianistin und der zurückgenommenen, gelegentlich intimen Tonbildung des Geigers klar machte, wie reich der Steinbruch des alten Bach ist.

Autor: cyb