Beglückende Leidenschaft

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 22. November 2014

Klassik

Albert-Konzert: Igor Kamenz und Arabella Steinbacher .

Manchmal macht Musik Mimikry. Sie schlüpft in Gewänder. Richard Strauss‘ Es-Dur-Violinsonate ist ein solcher Fall. Im – bezaubernden – zweiten Satz klingt es bald nach Schumann, dann spukt Schuberts Erlkönig durch die Noten. Und im dritten Satz spürt man Strauss‘ "Don Juan" und "Rosenkavalier"-Vorspiel gleichermaßen. Arabella Steinbacher und Igor Kamenz "enttarnen" diesen Mummenschanz mit größter Leidenschaft und Sorgfalt und arbeiten dabei doch ganz spielerisch die Eigenheiten dieses Werks, seinen salonesken Charme, seine virtuose Gratwanderung zwischen Kunst und Kitsch heraus.

Überhaupt hat man den Eindruck bei diesem Freiburger Albert-Kammermusikabend im ausverkauften Konzertsaal der Musikhochschule, dass über allem ein wunderbarer Geist des Zusammenwirkens herrscht, eine einzigartige Leidenschaft am Spielen. Schon bei Beethovens D-Dur-Sonate op. 12/1 ist sie spürbar, gepaart mit großer Leichtigkeit. Allerdings wirkt hier Steinbachers Violinspiel über weite Strecken eine Spur zu introvertiert, zu intim. Und es scheint, als fehle es ihrer Stradivari, gerade auch auf der E-Saite, an Brillanz, an Obertonreichtum. Fußnote: Kann es sein, dass auch diese großartigen Instrumente irgendwann ihren Zenit überschritten haben? Steinbachers "Booth" ist fast 300 Jahre alt, das Holz bekanntlich noch älter... Umgekehrt tut Igor Kamenz zu viel des Guten, wenn er in der ersten Variation des Andante con moto so sehr aufdreht, dass die führende Klavierstimme zur Solistenstimme wird. Mit einem historischen Hammerflügel wäre es wohl ideal gewesen.

Gleichwohl ist Kamenz ein bemerkenswerter, kongenialer Partner am Klavier. Einer der jede Phrase mitdenkt, mitfühlt, das rechte Pedal über weite Strecken ausspart und sich bis ins kleinste Detail mit der Violinstimme verbunden fühlt. In Prokofjews f-Moll-Sonate op. 80 erwächst daraus eine Sternstunde der Kammermusik, die man sich im Kalender rot anstreichen sollte. Wie das Duo Steinbacher-Kamenz im ersten Satz die Unisono-Linien gemeinsam phrasiert – das kann man nur als kleines Wunder bezeichnen. Hier verschmelzen zwei sehr unterschiedliche Instrumente zu vollkommener Einheit. Steinbacher besticht hier mit exzellenter Doppelgrifftechnik, noch mehr aber mit einer Dezenz bei den dahinhuschenden, ja unheimlichen Läufen. So expressiv diese großartige Musik auch noch ist – Steinbacher und Kamenz begegnen ihr immer mit einer Spur Verhaltenheit und ganz rundem Klang. Wie im sensiblen, fragilen Piano am Ende des Finales. Hier hat sich ein Kammermusikduo gefunden, das der Welt noch viele beglückende Momente schenken dürfte.