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25. Januar 2012

Bilder in den Köpfen der Zuhörer entstehen lassen

Altistin Daniela Bianca Gierok sang in Rheinfelden Brahms.

  1. Daniela Bianca Gierok Foto: Roswitha Frey

Den Koffer hinter sich her ziehend, kommt eine junge Frau an einem Bahnhof an. Sie bleibt stehen, studiert lange die Anzeigetafel, auf der die Zielorte der Züge angezeigt sind. Setzt sich auf die schlichte Holzbank, zieht fröstelnd den Mantelkragen zusammen. Und beginnt mit dunkler, voller Stimme zu singen: "Der Tod, das ist die kühle Nacht". Mit diesem traurigschönen, mystisch tiefen Lied eröffnet die Altistin Daniela Bianca Gierok ihren szenischen Liederabend "Von ewiger Liebe", der die Zuhörer auf eine Reise durch die Welt der Brahmsschen Liedlyrik führt.

In den Liedern von Johannes Brahms finden persönlichste Empfindungen ihren Ausdruck: Sehnsucht, Schmerz, Verzweiflung, aber auch Verzückung und Glückseligkeit. Dieses Spektrum zwischen Melancholie und lichtvollem Zauber bringt die Sängerin, einfühlsam begleitet von dem Pianisten Carl-Martin Buttgereit, szenisch auf die Bühne des Pfarreizentrums St. Josef in Rheinfelden. Mit ihren langen roten Locken, dem dunklen Mantel über dem grünen Kleid agiert Daniela Bianca Gierok wie eine Heldin aus einem Film noir, wobei die filmische Atmosphäre noch verstärkt wird durch die Videoinstallation von Noemi Schneider. Bilder von Wasser, Wellen, Brandung, einer Stadt am Fluss, von Menschen unterwegs, von Naturimpressionen illustrieren das Lied-Geschehen stimmig. Die Videobilder wirken wie eine Folie der Imagination für die Stimmungen der Brahms-Lieder. In der atmosphärisch dichten szenischen Einrichtung von Gierok und Jurate Vansk vom Theater Basel werden 17 Brahms-Lieder zu einer Geschichte verwoben und wie ein kleines Theaterstück aufgezogen. Der Schauplatz Bahnhof wird zur Metapher für eine Reise durch die Höhen und Tiefen des Lebens. Die einsame Frau wird zur Reisenden, zur Wartenden. Ist sie unterwegs zu ihrem Geliebten? Muss sie Abschied nehmen?

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Durch Gieroks warmen, tiefen, leuchtkräftigen Alt, ihren empfindungsreichen Gesang und ihr lebhaftes Spiel entstehen Bilder im Kopf der Zuhörer. Die Sängerin durchlebt intensiv alle Phasen der Empfindungen: Berührend zart und elegisch singt sie "Immer leiser wird mein Schlummer", bewegend trifft sie den Sehnsuchtston in "Die Mainacht" und den Ausdruck wehmütiger Erinnerung in "Alte Liebe".

Vom Dunkel führt sie ins Licht, ins Glückselig-Liebestrunkene in dem Lied "Meine Liebe ist grün". Wie losgelöst und vom Liebestaumel beschwingt, zieht die Sängerin Mantel und Schuhe aus, tanzt für Momente unbeschwert, zündet eine Wunderkerze an, während ein Fremder sein Fahrrad auf die Bühne schiebt, sich auf die Bank setzt und ungerührt Zeitung liest. Der Mann auf der Bank ist ein Mann von heute, in sportlichem legerem Look, kein Held aus der Romantik, vielleicht die Projektion eines fernen Geliebten.

Im Lied "Von ewiger Liebe", das von der Treue eines Mädchens handelt, beschwört Daniela Bianca Gierok in der Schlusssteigerung emphatisch diese unerschütterliche Liebe. Sowohl diese romantische Emphase als auch die innige Schlichtheit der bezaubernden "Sapphischen Ode", das Stürmische wie das Zärtliche dieser Melodien fängt die Altistin mit lyrischem Timbre, vortrefflicher, schöner Stimmführung und einnehmender Natürlichkeit und Ausdruckstiefe ein.

Ein idealer Mitgestalter dieses etwas anderen Liederabends ist der Pianist Carl- Martin Buttgereit, bei dem Brahms’ anspruchsvoller, kunstvoller, teils ausladender Klaviersatz in besten Händen ist und der den Klangzauber dieser von leiser Melancholie durchzogenen Lieder bis in die feinsten Nuancen ausfüllt. So taucht das Publikum nach dem letzten, traumverhangenen Lied "Feldeinsamkeit" wie gebannt aus dieser stimmungsdichten Lied-Welt wieder auf.

Autor: Roswitha Frey