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26. Januar 2012

Das trennende Band

"Katja Kabanova": Robert Carsens Janácek-Inszenierung an der Opéra national du Rhin.

  1. Freitod in der Wolga Foto: kaiser

  2. Freitod in der Wolga Foto: kaiser

Viel ist nicht auf der Bühne. Kaum Requisiten. Mal ein paar Stühle. Mattblau der Himmel, das Ambiente, die drei kahlen Wände, zwischen denen Leos Janáceks "Katja Kabanova" sich an der Opéra national du Rhin begibt. Patrick Kinmonth hat es für Robert Carsens Inszenierung geschaffen. Erarbeitet wurde sie 2004 für De Vlaamse Opera in Antwerpen und Gent. Unterdessen ist Marc Clemeur, einst dort Intendant, dabei, seinen vielgerühmten Janácek-Zyklus an den Oberrhein zu transferieren, wo er jetzt wirkt.

Das dominierende Element der Aufführung ist indessen: Wasser. Knöcheltief ist die Bühne geflutet, Stege darin wie im überschwemmten Venedig, immer wieder von flatternden weißen Phantomfrauen und Katja-Doubles umgruppiert und dank der Beleuchtungskünste Peter Van Praets mal ein Zimmer, mal die Wolga, an der sich das Spiel ereignet. Hier treibt es Katja umher, die eingeschnürte und ständig belauerte Ehefrau des waschlappigen Tichon. Es drängt sie aus der schwiegermütterlichen Enge hinaus, in die Freiheit, ins Leben. Ein Vogel möchte sie sein, fliegen können. Und kaum ist ihr Mann von der überdominanten Mutter auf eine Geschäftsreise gezwungen, wirft Katja sich dem jungen Boris an den Hals, zehn Abende lang. Ihr Gewissen drückt sie nun nieder, und sie offenbart sich vor allen Leuten: Freitod in der Wolga. Alexander Ostrowskijs Drama "Gewitter" lieferte den Stoff.

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Die Wasserbühne ist ein kleiner Geniewurf. Die Gestalten spiegeln sich darin, geben Vexierbilder ab. Und: Die latente Absturzgefahr ist permanent im Bild. Der nächste Schritt kann der in den Abgrund sein, der Weg ins Ungewisse. Am Ende, wenn der Liebhaber gen Moskau abhaut, liegt das Wasser wie der Strom zwischen ihm und Katja: ein trennendes Band. Carsens Inszenierung ist stark, auch wenn ihre Gestensprache beim Umzug aus Flandern über Mailand und Madrid ein wenig gelitten hat, ein wenig in die Beliebigkeit gedriftet sein dürfte (Einstudierung in Straßburg: Maria Lamont). Und: Es ist eine optisch einprägsame Ausdeutung, dazu unverblasen, unprätentiös. Vor allem kehrt sie Katjas innere Turbulenzen nach außen, nimmt uns für sie ein. Andrea Danková singt sie, mit einem großen, leuchtenden, ausdrucksintensiven Sopran, der allerdings auch etwas "weiß" anmutet, etwas flackert. Varvara, die ihr im Lustgenuss einiges voraushat, ist Anna Radziejewska: eine sehr bewusst formulierende Mezzosopranistin, der Enrico Casari, mit seinem leichten Tenor als Lehrer und Naturwissenschaftler Kudrjasch, ein beweglicher Partner ist. Die beiden herrschsüchtigen und versteckt-lüsternen Alten sind Julia Juon (Kabanicha mit autoritärem Mezzo) und Oleg Bryjak (Dikoj mit oft etwas plump auftragender Bassroutine). Und Katjas angehimmelter Liebhaber: Miroslav Dvorsky trifft den Boris mit seinem widerstandsfähigen Tenor, der mit einem Bein auf Puccini’schem Terrain steht.

Zumindest die Spur zum italienischen Frauenversteher legt auch Friedemann Layer, schon in Belgien dabei, am Pult des Orchestre symphonique de Mulhouse. Nicht, dass er Janáceks Schärfen zur Ineffizienz hin harmonisierte – etwas deutlicher, als es gemeinhin geschieht, setzt er gleichwohl den Weichzeichner an. Dabei legt er frei, was aufgelichtet gehört. Er lässt genau und feinfühlig phrasieren, gibt dem Klangbild Relief und steigert die dramatischen Konvulsionen nachdrücklich hoch. Nie trieft’s bei ihm. Doch auch Layer erhärtet die Mutmaßung, nie sei eine Frauengestalt von einem Komponisten liebevoller umhegt, empfindsamer umschmeichelt worden.
– Weitere Aufführungen: in Straßburg am 29. und 31. Januar sowie am 2. Februar (Tel. 0033/38/8754823), in der Filature von Mulhouse am 10. und 12. Februar
(Tel. 0033/38/9362829).

Autor: Heinz W. Koch