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19. Juni 2012

Rheinoper

Die kleinen Geschichten im "Rosenkavalier"

Richard Strauss’ Werk an der elsässischen Rheinoper.

  1. Die Marschallin (Melanie Diener, links) mit Oktavian (Michaela Selinger) Foto: Kaiser

"Die Zeit, die ist ein sonderbar’ Ding", singt Melanie Diener als Marschallin mit großem Atem – ihr jugendlicher Liebhaber Oktavian (Michaela Selinger) hört teilnahmslos zu. "Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar Nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie", heißt es weiter in der Schlüsselszene des "Rosenkavaliers". Immer wieder ist in Richard Strauss’ "Komödie für Musik" nach dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal diese Melancholie zu spüren, die mal süßlich erscheint, mal ganz bittere Momente enthält. Die Regisseurin Mariame Clément lässt jetzt in Straßburg die Oper mit einer stummen Szene beginnen. Eine alte Frau geht am Stock mit langsamen Schritten auf die Bühne. Ihr Taschentuch, mit der sie eine Träne trocknet, fällt auf den Boden. Und wird vom Harlekin zurückgegeben, der der prächtig gekleideten Dame beim Hinausgehen hilft. Eigentlich ist es die junge Sophie, die in der Schlussszene das Taschentuch verliert. Und "der kleine Neger", wie es im Libretto heißt, "findet es, – hebt es auf – und trippelt hinaus".

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Durch diesen Vorausgriff setzt die Regisseurin die Angst vor dem Altern, die die Marschallin umtreibt, in ein starkes Bild. Die eigentliche Geschichte erzählt Mariame Clément ganz linear in reduzierten Räumen, die an eine Commedia dell’arte Bühne erinnern. Holzbretter für den Fußboden, Vorhänge als Raumteiler (Bühne und Kostüme: Julia Hansen) – fertig ist das Palais der Marschallin. Hier räkelt sie sich mit ihrem jugendlichen Liebhaber Oktavian im Schlafzimmer, hier empfängt sie im prachtvollen Barockkleid die skurrile Gesellschaft und lässt sich ein Ständchen von einem italienischen Sänger (schön schmalzig: Stefan Pop) vorsingen. Die Bediensteten treten nur in Perücke und Maske auf – und haben durchweg alberne Auf- und Abgänge. Wie überhaupt die Verortung in der Commedia dell’Arte sich nicht richtig erschließt, zumal sie von der Regie eher halbherzig umgesetzt wird.

Es sind die kleinen Geschichten, die bei diesem "Rosenkavalier" berühren – etwa die subtile Annäherung zwischen Sophie und Oktavian, die gut beobachtete Vater-Tochter-Beziehung zwischen Faninal (mit viel Substanz: Werner Van Mechelen) und Sophie, die für einen Moment ganz echte Depression des Baron Ochs von Lerchenau. Musikalisch ist dieser "Rosenkavalier" auf ordentlichem bis gutem Niveau und birgt in der Solistenbesetzung durchaus Überraschendes. Wolfgang Bankl ist als Ochs kein polternder Grobian, sondern verleiht mit seinem geschmeidigen Bass diesem Provinzadligen durchaus Eleganz. Seine mühelos intonierten Basstöne und sein österreichischer Akzent wirken authentisch und sogar ein wenig attraktiv.

Der Oktavian von Michaela Selinger ist ungewöhnlich knabenhaft. Dieser Mezzosopran ist so schlank wie ein Sopran – ein wenig vermisst man gerade beim Schlussterzett mit der Marschallin und Sophie die dunkleren Farben. Daniela Fally singt die schwindelerregend hoch steigenden Linien von Sophie mit großer Präzision und vielleicht ein wenig zu viel Schärfe. Melanie Dieners Marschallin jedenfalls ist das musikalische Zentrum. Ihr Sopran hat die Leichtigkeit, um im Liebesspiel mit Oktavian die Jugend erblühen zu lassen – und besitzt auch die dunkleren Farben einer reiferen Frau.

Die Straßburger Philharmoniker brauchen ein wenig, um in der trockenen Akustik des Opernhauses einen gut ausbalancierten Mischklang hinzubekommen. Besonders die Streicher klingen zunächst noch zu spröde. Aber nach und nach spielen sich die Musiker frei und entwickeln mehr Klang. Der Dirigent Marko Letonja hat ein gutes Gefühl für die immer wieder anklingenden Walzer, die er zwar mit einem ganz geraden Dreiertakt, aber in der großen Linie sehr frei musizieren lässt. Zuweilen täte der Interpretation ein wenig mehr Führung gut, wenn manches doch hörbar auseinander fällt. Insgesamt wechselt Letonja mit dem Orchestre philharmonique de Strasbourg mit großer Selbstverständlichkeit zwischen Intimität und großer Ansprache, zwischen Leichtigkeit und schwerem Pathos.

So subtil und klug Mariame Cléments Regie auch in Teilen wirkt – etwas mehr Führung wäre auch der Inszenierung förderlich. Man vermisst in diesem "Rosenkavalier" ein wenig die Idee, den persönlichen Interpretationsansatz. Am Ende schafft die Regisseurin dann noch einen starken theatralischen Moment, wenn sie zum finalen Terzett die Bühne leer räumt und das neue Liebespaar Oktavian und Sophie vor einem weiten, blauen Horizont zeigt. Die junge Sophie steht mit ihrem Oktavian ganz vorne auf der Bühne, hinten erscheint die alte Dame. Und die Marschallin betrachtet vom Mittelgang aus das Geschehen. Drei Frauen in unterschiedlichem Alter – wie in einer Zeitachse angeordnet. Das Taschentuch, das Sophie verliert, gibt der Harlekin der alten Frau zurück.
– Weitere Aufführungen: Straßburg, Opernhaus: 20., 23., 25. und 28. Juni, jeweils 19 Uhr. Mulhouse, Filature: 6. Juli, 19 Uhr, und 8. Juli, 17 Uhr. Karten unter Tel. 0033/388754823 (Straßburg) sowie Tel. 0033/389362828 (Mulhouse).

Autor: Georg Rudiger