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28. Januar 2012

Ein Geiger mit vollem Risiko

Albert-Konzert: Das Budapest Festival Orchestra in Freiburg.

Manchmal ahnt man schon nach den ersten Takten, wie eine Interpretation wird. Bei Lalos "Symphonie espagnole" ist die Prognose hervorragend. Den Quintsprung, der in der Solovioline gleich noch einmal eine Oktave höher katapultiert wird, bewältigt Renaud Capuçon im Freiburger Konzerthaus mit kräftigem Ton und blitzblanker Intonation. Der französische Geiger geht dabei volles Risiko ein – und gewinnt. Um dann gleich anschließend auf der G-Saite mit viel Bogengewicht und großem Vibrato den dicksten, schwermütigsten Klang zu produzieren, den eine Violine so hergibt.

Mit Capuçon haben die Albert-Konzerte an diesem Abend, an dem der Veranstalter auf den Tag genau sein 111-jähriges Bestehen feiert, einen echten Glücksgriff getan. Der Geiger vereinigt Virtuosität mit Musikalität und Natürlichkeit. Sein Klangfarbenreichtum ist gerade bei diesem von spanischen Folklorismen durchzogenen Werk, das der Geigenstar Pablo de Sarate 1875 in Paris uraufführte, betörend, wenn er etwa im Andante seinen Ton allmählich von matt zu glänzend poliert. Die Klarheit im Spiel ist ihm wichtig. Da markiert er seinen Bogenwechsel mit einem Knacken (Intermezzo), um noch ein bisschen mehr Zug in die Interpretation zu bringen. Da werden selbst waghalsigste Läufe zum Klingen gebracht, ohne eine Note unter den Tisch fallen zu lassen. Auch wenn Capuçon ganz ruhige Linien zieht wie bei der als Zugabe gespielten "Melodie" aus Glucks Oper "Orfeo ed Euridice", ist man gebannt von dem nuancenreichen Vortrag.

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Acht Kontrabässe als Fundament

Das Budapest Festival Orchestra, das sich bei Lalo unter seinem Gründer und Musikdirektor Iván Fischer als sensibler Begleiter erweist, geht ohne Solist deutlich rustikaler zu Werke. Brahms’ "Tragische Ouvertüre", die den Abend eröffnet und nicht so recht zum übrigen Programm passen will, wird von den Ungarn so massiv aufgedreht, dass der Orchesterklang im Forte ins Grobe, Lärmende tendiert. Mit den acht Kontrabässen, die in einer Reihe hinter den Bläsern aufgestellt sind und den in der Mitte postierten Celli ist klanglich für ein starkes Fundament gesorgt, das aber gelegentlich zu schwerfällig wirkt. Einen besseren Eindruck hinterlässt das Orchester bei Rimski-Korsakows sinfonischer Suite "Sheherazade". Feine Holzbläsersoli verleihen den Märchen aus Tausendundeiner Nacht, die die Konzertmeisterin mit ihrem freien Geigenspiel zu einem spannenden Ganzen verbindet, eine dichte Atmosphäre. Die wuchtigen Passagen des ersten und vierten Satzes, wenn Sindbads Schiff in raue See kommt, gleichen Naturgewalten. Aber auch hier donnert es zu heftig im Tutti. Besonders die Posaunen forciert Fischer im Finale bis zur Schmerzgrenze. Das Fest in Bagdad wird so ein wenig zur Ballermann-Party.

Autor: Georg Rudiger