Eine lohnende Entdeckung

cyb

Von cyb

Di, 15. Mai 2012

Klassik

Motettenchor führt Parrys "JOB" im Burghof Lörrach auf.

Charles Hubert Hastings Parry (1848-1918) ist hierzulande immer noch ein Unbekannter, doch das könnte sich jetzt vielleicht ändern, ein Anfang ist jedenfalls gemacht, denn am Sonntag wurde er im letzten Konzert der Reihe "Portrait-Künstler" des Lörracher Motettenchores zur lohnenden Entdeckung. Kurzer historischer Rückblick: Für das Musikfestival in Birmingham und Leeds 1892 komponierte Parry das Oratorium "Job", und das ist eine Musik, die wir heute wieder ganz gerne hören, weil wir, zeitlich distanziert, nun beinahe naiv staunen dürfen über ihre emotionale Prachtentfaltung. Wie Parry die Radikalität des alttestamentarischen Textes emphatisch auffängt, wie er aus dem von Gott hart geprüften Hiob einen Leidenden macht, der in der Musik überlebt, das zu hören war faszinierend. Parrys "Job", das ist die hin und her wogende tönende Emotionalität, ist anempfundenes Wagnersches großes Pathos plus Brahmssche düstere Blechbläserklänge, kurz ist Erleiden und Erlösen als ineinander verschlungenes Erleben.

Dass das so zwingend hörbar wurde, war Stephan Böllhoffs gründlicher Probenarbeit mit dem Orchester, das engagiert und hoch konzentriert spielte, und seinem Motettenchor zu verdanken, der in packenden Fortissimi und intensiven Piani ganz im Geiste dieser Musik aufging. Das Gesangssolistenquartett erfüllte alle Erwartungen. Georg Gädker war ein spannend-unterhaltsamer Erzähler, Wolfgang Newerla ein geduldig Leidender, Karl-Heinz Brandt ein aggressiver Satan und Regina Kabis ein freundlicher Hirtenjunge. Fazit: Wir hörten eine rundum geglückte, animierende Interpretation.

Doch es gibt auch einen modernen Hiob. Eingefügt in Parrys "Job" las Doris Wolters Passagen aus Joseph Roths "Hiob", dem "Roman eines einfachen Mannes", der 1930 erschien. Marion Schmidt-Kumke, erfahren als "Wintergäste"-Dramaturgin, hatte die Lebensstationen ausgewählt, in denen der Zuchnower "ganz alltägliche Jude" Mendel Singer von seinem Gott auf die härtesten Proben gestellt wird. Drei seiner vier Kinder und seine Frau Deborah sterben vor ihm, er selbst vereinsamt in New York, rebelliert gegen Gottes Härte, sagt sich von ihm los und erlebt gegen Ende seines Lebens die Gnade, dass sein jüngster Sohn Menuchim, der Epileptiker und Autist, der Sprachverweigerer und kindliche Idiot, den die Singers in Zuchnow zurückgelassen hatten, als sie in die USA auswanderten, ein gefeierter Musiker wurde, der bei seinem New Yorker Konzert den alten Vater wieder trifft, und Mendel Singer endlich ausruhen kann "von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder."

Passte die Lesung zu Parrys Oratorium? Nicht direkt, doch gerade aus dem latenten Widerspruch ergab sich eine intensive Spannung: Da die emphatische Musik und hier die "Sachlichkeit" des gesprochenen Wortes, schön gelesen von Doris Wolter. Ein Zusammentreffen des Ungleichen als Übereinstimmung im Geiste der Musik und der Literatur. Was will man mehr? Langer dankender Schlussbeifall für ein außergewöhnliches Konzert.