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31. Oktober 2012

„Classiques!“ in Riehen

Eine unvergleichliche Homogenität

Leipziper Streichquartett und Pianist Bernd Glemser zum Auftakt von "Classiques!" in Riehen.

  1. Das Leipziger Streichquartett und der Pianist Bernd Glemser Foto: r. Frey

Die Weichen sind neu gestellt im Riehener Konzertleben. Die alt eingesessene Reihe "Kunst in Riehen" wird unter neuem Management von "Swiss Classics" und unter dem neuen Namen "Classiques!" weiter geführt – und soll verjüngt werden. Der Neustart der traditionsreichen Klassikreihe war vielversprechend und hochkarätig besetzt mit dem Leipziger Streichquartett und dem Pianisten Bernd Glemser, die zum Saisonauftakt im renovierten Saal des Landgasthofs Riehen ein ausschließlich romantisches Programm zelebrierten.

Warum die Leipziger Formation als bestes deutsches Streichquartett gehandelt wird, war in ihrer Mendelssohn-Interpretation unschwer zu hören. Da wurde mit einer Tonschönheit, Homogenität und Makellosigkeit in Intonation und Stimmenführung musiziert, wie es wohl nicht mehr zu steigern ist. Atemberaubend, wie Primarius Stefan Arzberger, der zweite Geiger Tilman Büning, Bratschist Ivo Bauer und Cellist Matthias Moosdorf quasi wie mit einem Bogen, wie auf einem Atem spielen. Das Quartettspiel der Leipziger klingt derart homogen, derart perfekt in der Harmonie und Ausbalancierung der Stimmen, so selbstverständlich und geschmeidig zusammenfließend, dass es wie aus einem Guss wirkt.

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In Mendelssohn-Bartholdys Streichquartett Es-Dur op.44 führte das Ensemble seine phänomenale Streicherkultur vor, ein Höchstmaß an Klangschönheit, an Transparenz und lupenreiner Klarheit der Intonation. Subtil, durchsichtig und fein gesponnen klang die Verdichtung und Auflösung der Stimmen. Mit einer Feinheit sondergleichen wurden die Fugati, die figurenreichen Themen, die flirrenden Passagen im Scherzo, die edle Schönheit des Adagios ausgekostet. Selbst im mit fliegenden Bogen und wirklich "con fuoco" gespielten Finalsatz behielt das Quartett diese unerhörte Leichtigkeit und Transparenz des Klangs bei.

Als ein Klangzauberer par excellence führte sich dann der Pianist Bernd Glemser – den man kurzfristig für die erkrankte fast 90-jährige Pianistenlegende Menahem Pressler gewinnen konnte – mit Chopins Nocturne cis-Moll op. posth. ein. So nobel, feinfühlig und differenziert ließ Glemser diesen elegischen Nachtgesang aus den Tasten steigen, mit einer Klarheit und Subtilität in der Anschlagskultur und Nuancierungskunst, dass er eine Nocturne-Atmosphäre von kaum fasslicher Klangpoesie beschwor. Liebend gerne hätte man von diesem wunderbaren Pianisten noch mehr Solowerke gehört.

Der Feingeist Glemser und das Leipziger Streichquartett trafen sich schließlich in Schumanns Klavierquintett Es-Dur op.44, einem Kronjuwel der Kammermusik, auf einer interpretatorischen Wellenlänge. Hellhörig horchte Glemser die lyrischen Themen aus, fand mit seiner kantablen Spielweise ideal mit dem Streicherklang der Leipziger zusammen. In den ungestüm drängenden, stürmischen Passagen des Allegro brillante fließt das sehr geschmeidig zusammen. Der trauermarschartige langsame Satz, der etwas von Tod und Verklärung hat, wird in berührender Tonschönheit, ja fast schon vergeistigt, dargestellt. Auch wie Glemser und das Leipziger Streichquartett im quirligen, wirbelnden Scherzosatz und im rhythmisch stark akzentuierten Finalsatz das Gestische dieser Musik herausholen, ist ein singuläres Kammermusik-Erlebnis.

Nach diesem Auftakt, der sehr große Publikumsresonanz erfuhr, versprechen beim nächsten "Classiques!"-Konzert am 9. Dezember der italienische Barockgeiger Giuliano Carmignola und Blockflöten-Queen Dorothee Oberlinger pure Vivaldi-Freuden.

Autor: ros