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03. August 2012

Jeder stirbt für sich allein

SALZBURGER FESTSPIELE: Giacomo Puccinis Oper "La Bohème" mit Anna Netrebko, inszeniert von Damiano Michieletto, dirigiert von Daniele Gatti.

  1. Salzburger Festspiele: La bohème. Mit Piotr Beczala (Rodolfo), Anna Netrebko (Mimi) Foto: Silvia Lelli

Manchmal fühlt sich das Sterben in der Oper gänzlich gekünstelt, musikalisch konstruiert an. In Puccinis "La Bohème" ist das anders, viel radikaler. Mimì haucht ihr Leben ganz leise aus – "dormire" – schlafen – ist ihr letztes Wort, und nur eine Generalpause kündet von ihrem Tod. Dessen wiederum ihre Freunde erst etliche Takte später gewahr werden. Jeder stirbt für sich allein – so eindrucksvoll, so tieftraurig hat man das in der Oper nur ganz selten. So eindrucksvoll wird es auch nicht alle Tage inszeniert wie von Damiano Michieletto bei den Salzburger Festspielen. Der italienische Opernregie-Senkrechtstarter macht aus der Not der Cinemascope-Bühne im Großen Festspielhaus eine Tugend: Die räumliche Distanz der sterbenden Mimì auf der linken und ihrer verzweifelten Freunde auf der rechten Bühnenseite verstärkt die Isolation. Ein starker Moment, womöglich der stärkste des Abends.

Michieletto und seinem Ausstatterteam Paolo Fantin (Bühne) und Carla Teti (Kostüme) gereichen die gewaltigen Dimensionen der Bühne, noch mehr aber die filmische Komposition dieser wie mit Schnitten arbeitenden Oper zu einer ganz und gar heterogenen Patchwork-Szenerie der unterschiedlichsten Stile und Formen. Der Schauplatz Paris liefert die realen wie surrealen Impulse; das zweite Bild spielt auf einem grellbunten Stadtplan mit Fin-de-Siècle-Häusern in Spielzeuggröße; der Spielzeugverkäufer Parpignol fliegt à la Superman ein, die Blasmusik im Getümmel glitzert vor lauter hellen Lämpchen. Die winterliche Tristesse an den Zollschranken der Barrière d’Enfer ist in ein Vorstadtbild mit steil nach oben ragenden Ausfallstraßen und Imbisswagen übersetzt. Den Rahmen zur Inszenierung aber bilden im wahren Wortsinn überdimensionale Fensterrahmen der kleinen Mansardenwohnung, in der alles beginnt und alles endet. Regentropfen prasseln unablässig auf die beschlagenen Fensterscheiben, auf die eine virtuelle Hand am Ende des ersten Bildes Mimìs Namen schreibt. Die Szene wiederholt sich im korrespondierenden vierten Bild, nur dieses Mal wird die Hand über den Namen hinwegwischen – alles ausgelöscht, als wäre nichts gewesen.

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Michielettos Inszenierung spielt mit den Ebenen, mal mehr, mal weniger überzeugend. Das zweite Bild hat puren Tableau-Charakter – choreografierte Massenszenen, in die man freilich gerne mit dem Zoom eintauchen würde. Dort, wo Puccinis Musik und die Szenen intim werden, setzt er oft auf die unüberwindbare Distanz zwischen den Personen, die auf der großen Festspielbühne Spielzeugfiguren bleiben, siehe zweites Bild. Vielleicht ist diese Unvereinbarkeit des Stücks mit dem Raum der Grund dafür, dass "La Bohème" bislang noch nie bei den Festspielen gegeben wurde. Michielettos postmoderner Ansatz zeigt: Es ist machbar, wenn man die Schwerpunkte verändert. Der Beigeschmack einer auf Effet und Bombastik abzielenden Wirkungsästhetik à la Bregenz bleibt gleichwohl – nun ja, es handelt sich ja auch um die Hochglanzpremiere der Festspielsaison und eine Koproduktion mit der Oper in Shanghai.

Im Schlussbeifall spiegelt sich das wider. Das Publikum zeigt Zustimmung, wirkt aber merkwürdig unberührt. Selbst die Ovationen für Anna Netrebko hat man schon heftiger erlebt. Dabei bewegt die Rückkehr der Lieblingsdiva der Gegenwart auf diese Bühne durchaus. Diese Mimì ist eine Spur radikaler, herber als in der rührseligen Kinoverfilmung von 2009, gut so. Wenn ihr Sopran in der Höhe aufblüht, dann vielleicht nicht mehr ganz so obertonreich wie dort. Aber die vokale (und auch die darstellerische) Präsenz und Leidenschaftlichkeit faszinieren, die Mühelosigkeit, mit der sie ihre Spitzentöne ansetzt. Rodolfo ist nicht mehr – kann nicht mehr sein – Rolando Villazón. In der Wahl auf Piotr Beczala zeigt sich einmal mehr die Zürcher Handschrift des neuen Intendanten Alexander Pereira, und sie ist eine gute. Der polnische Tenor hat den rechten lyrischen Schmelz, die schmachtende Italianità für einen glaubwürdigen Rodolfo. Seine Höhe ist abgedunkelt, ihr fehlt etwas das erotisierende Leuchten, das squillante, wie die Italiener sagen, der alles überstrahlende Klang. Gleichwohl, die Emotion stimmt, Rodolfos beide "Mimì"-Rufe am Ende graben sich tief ein. Bemerkenswert die Musetta der Georgierin Nino Machaidze, kein Soubretten-Stimmchen, sondern ein dunkler, kraftvoller Sopran mit dramatischer Anlage und herrlicher Legato-Phrasierung. Von Festspielformat zeugt auch die Künstlerrunde, aus der Massimo Cavallettis vigiler, energischer Marcello und Carlo Colombaras Colline mit seinem weich unterfütterten, lyrischen Bass herausragen.

Das Publikum wirkt
merkwürdig unberührt

In den Chorszenen, für die der einstmalige Freiburger und heutige Zürcher Theaterkapellmeister Ernst Raffelsberger verantwortlich zeichnet, herrscht weitgehend Klangpracht. Dass Daniele Gatti indes für sein Dirigat ob einiger winziger Koordinationsprobleme am Premierenabend ein paar Buhs kassiert, ist hart. Gatti arbeitet mit Erfolg die Spannungsmomente in dieser szenographisch so kongenialen Partitur heraus, er sucht eben nicht nach dem operettigen Ton in der Partitur, sondern nach dem Spaltklang, nach den instrumentatorischen Finessen. Und die nach kleinen Einstiegsproblemen berauschend aufspielenden Wiener Philharmoniker bedienen das, zeigen ihre Qualität als Opernorchester de luxe. Wenn sie nur immer so wollten.
– Weitere Aufführungen: 4., 7., 10., 13., 15., 18. August

Autor: Alexander Dick