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19. Januar 2011
Mittanzen, mitklatschen
Bei Orso philharmonic und Justus Frantz: Neujahrskonzerte en suite im Freiburger Konzerthaus.
"Wo Orso spielt, da bin ich auch", schwärmt eine Besucherin in der hinteren Reihe. Also befindet man sich im sehr gut besuchten Konzerthaus, weil hier das Neujahrskonzert von Orso philharmonic stattfindet, des semiprofessionellen Orchesters aus Freiburg mit der Vorliebe für ambitionierte Großprojekte. Der Titel lautet "Aus der Neuen Welt": neben Werken des Brasilianers Ástor Piazzolla steht, es braucht kaum eigens erwähnt werden, Antonín Dvoráks 1893 in New York uraufgeführte Neunte Sinfonie auf dem Programm. Das für ein Neujahrskonzert erfrischende Konzept – die Analogie von zeitlichem Anbruch und räumlichem Aufbruch – funktioniert. Die Atmosphäre ist ungezwungen und familiär, was fraglos auch an den zahlreichen Angehörigen im sowohl schick und als auch leger gekleideten Publikum liegt.
In Piazzollas "Milonga del Angel" verbreitet das intonatorisch gut disponierte Orchester sanften Wellenschlag, die exzellenten Hörner zeigen sich sogleich in Hochform, und die Streicher singen die Melodie sehnsuchtsvoll aus. Und schon nach wenigen Takten ist der junge, ganz in schwarz gekleidete Dirigent Wolfgang Roese Feuer und Flamme. Eine typische Geste, die auch im weiteren Verlauf des Abends immer wieder zu sehen sein wird: die halbgeöffnete Maestro-Hand, bebend, fordernd. Doch manchmal trägt es ihn davon. Wenn er, auf seinem Pult geradezu mittanzend, in Piazzollas mitunter recht seichten "Vier Jahreszeiten" mit Verve einzelne Momente hochpusht, dann lässt die Interpretation einen übergreifenden Spannungsbogen vermissen. Der Solist – Koh Gabriel Kameda an der Geige – ist da zurückhaltender; im knallig roten Hemd stellt er sich im "Herbst" mit klarem Ton und süffigen Verschleifern vor. Seinem entspannten Spiel fehlt es bisweilen an innerer Dringlichkeit, und nicht nur bei den Tutti-Attacken à la Strawinsky im "Winter" geht das Solo unter.
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Szenenwechsel, zwei Tage später: Die Reihen des Konzerthauses sind diesmal nur spärlich besetzt. Wieder ein Neujahrskonzert, diesmal mit der "Philharmonie der Nationen". Der gesetzte Herr im Frack wendet sich noch vor dem ersten Ton souverän an das vorwiegend ältere, fein gekleidete Publikum, dem er mit Emphase ein frohes neues Jahr wünscht. Dann kreist sein Dirigierstab in weiten, weichen Bögen. Später, beim unvermeidlichen "Radetzkymarsch", der letzten von insgesamt drei Zugaben, wird Justus Frantz, Dirigent des mit Nachwuchskräften gespickten Profi-Orchesters, dem Publikum den Einsatz zum Mitklatschen geben: Schunkelstimmung.
Die bei Rachmaninows Klavierkonzert zuvor freilich nicht aufgekommen war. Der aus Russland stammende Pianist Konstantin Tyulkin überzeugt insbesondere im Finalsatz mit fein-perlendem Spiel; das Zusammenspiel mit dem Orchester könnte indes organischer sein. Die als Zugabe zackig und pointiert musizierten Märsche und die eingangs erklungene "Fledermaus"-Ouvertüre liegen dem Orchester offenbar besser, denn auch der Darbietung von Brahms’ dritter Sinfonie fehlt es an Ausstrahlung, ja schlicht an Energie.
Energie gibt es beim Orso philharmonic mehr als genug, dessen gewohnt bombastischer Zugriff nach der Parole "Gib ihm!" den Ecksätzen von Dvoráks Sinfonie nicht schlecht ansteht. Der erste Satz hat Biss. Doch irgendwann kühlt auch ständig Hocherhitztes ab, unterscheiden sich Schlusssteigerungen nicht mehr von den vorherigen Forte-Entladungen des schlagkräftigen, allerdings nicht immer ganz kompakten Tutti.
Interpretatorische Tiefe geht diesem sportiven Musizieren ab. Der zweite Satz mit seinem berühmten Thema, makellos vorgetragen von Englischhorn und Klarinette, ist dann ein seltener Moment der Einkehr in einer sensibel gerundeten Klangfülle. Applaus auch hier, wie nach jedem einzelnen Satz der Sinfonie. Das Ende: zelebrierte Tutti-Schläge, Pathos pur. Stehende Ovationen. Und wieder die Stimme von hinten: "So einfach kommt uns der Wolfgang nicht davon." Also: Zugabe.
Autor: Dennis Roth


