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06. September 2013

Finale

Luzerner „Ring“: Oper als sinfonisches Ereignis

Finale beim konzertanten Luzerner "Ring" mit Jonathan Nott und den Bamberger Symphonikern.

  1. Der Herr des „Rings“: Jonathan Nott in Luzern Foto: Priska ketterer

Diesem Weltuntergang fiebert man immer wieder entgegen. Wenn sich Bilder und eruptive Klänge vermischen, wenn sich nach vier Aufführungstagen erneut die bange Frage nach Hoffnung und Erlösung stellt, dann ist Richard Wagners gewaltige "Ring"-Tetralogie auf ihrem Zenit angelangt. Und der Streit über die szenische Interpretation kann beginnen.

In Luzern findet er nicht statt. Nachdem die Bläser der Bamberger Symphoniker den finalen Des-Dur-Akkord wie eine Riesenorgel haben ausklingen lassen, herrscht sekundenlange Stille im Großen Saal des KKL. Erst dann brandet der Beifallssturm los. Gegen das vorausgegangene musikalische Fanal des Brandes der Götterburg Walhall mutet er dennoch fast bescheiden an. Normalerweise erlebt man dieses durch den Filter des Orchestergrabens. Aber den gibt es nicht bei diesem "Ring". Das Orchester ist auf dem Podium platziert, und so gelangt alle Wucht, einschließlich der Becken- und Tamtam-Explosionen, unvermittelt, direkt zum Zuhörer. Und so begreift man das, was man zwar immer schon wusste, aber nie sonst so expressiv wahrnimmt: Wagners Tetralogie ist – auch – eine riesige sinfonische Dichtung mit Gesang.

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Die Bamberger Symphoniker und ihr Chefdirigent Jonathan Nott sind ihre bewegenden Protagonisten. Die Frage, ob die – zunächst unwagnerische – Idee eines konzertanten "Rings" trägt, haben sie ganz produktiv mit Ja beantwortet. Schon ob ihrer gewaltigen Lust und Leidenschaft. Man spürt, dass sich das Orchester auch unter seinem britischen Chef sein kollektives Gedächtnis bewahren konnte. Es steht in der Tradition der Prager Deutschen Philharmonie, deren Musiker nach 1945 den Grundstock für das neue Orchester bildeten. Sein Musizieren ist nicht das von anglo-amerikanischen Orchestern gewohnte akzentuierte, rhythmusbetonte; vielmehr steht ein sehr weiches, mitunter pastoses Klangprofil im Vordergrund. Der Nachteile wird man auch gewahr. Die Präzision ist nicht immer optimal, besonders zu erleben am "Siegfried"-Abend, an dem Konzentrationsschwächen vernehmbar sind. Aber die Momente von betörender Schönheit überwiegen, zum Beispiel bei den zahlreichen wie aus dem Nichts entstehen Soloklarinettenpassagen. Oder in der Hörnergruppe – und natürlich bei den zahlreichen Siegfried-Solohornpassagen, die, klangstrategisch gut, von verschiedenen Ebenen vorgetragen werden.

Vor allem aber ist es der "Ring" des Jonathan Nott: Sein Dirigat zeugt von überlegener, reifer Sicht auf die Gesamtstrukturen und erinnert da mitunter an Pierre Boulez. Doch Nott wirkt weniger nüchtern, zugetan allem Sinnlichen und oft so romantisch-schwelgerisch, wie es Georg Solti bei seiner immer noch solitären "Ring"-Einspielung war. Siegfrieds Trauermarsch – ein sinfonisches Ereignis. Nott ist auch bei den Sängern, er führt sie, umsorgt sie wie ein Vater: Dass die Balance Orchester – Stimmen manchmal auf Kosten Letzterer geht, lässt sich nicht vermeiden. Vokal ist dieser "Ring" fast rundum festspielreif. Für Thorsten Kerl, der sich trotz aufkeimender Erkältung als Siegfried I wacker schlägt, folgt in Andreas Schager in der "Götterdämmerung" ein möglicher großer Wagner-Tenor der Zukunft: Die Gegenwart signalisiert, dass er mit seiner erstklassigen Technik und dem großen Material sorgsam umgehen sollte – der sympathische, hochmotivierte Sänger neigt zum Sich-Verausgaben.

Während Eva Johanssons "Siegfried"-Brünnhilde sich allzu sehr durch den Abend tremoliert, kann Petra Lang in der Rolle am Finaltag großteils reüssieren: ein solider Brünnhilden-Monolog, dem es indes an Obertonreichtum mangelt. Albert Dohmen setzt mit seinem Wanderer im "Siegfried" einen fulminanten Schlusspunkt unter diesen Wotan – sicher einer der besten seiner Karriere. Gut in Erinnerung bleiben Peter Galliards beweglicher Mime, Peter Sidhoms solider Alberich sowie Michael Nagy und Anna Gabler als potente Gunther und Gutrune, während Mikhail Petrenko zumal als Hagen aufgrund mangelnder Bass-Schwärze wenig überzeugen kann. Eine Erinnerung bleibt besonders nachhaltig: Elisabeth Kulman setzt auch mit ihrer geschmeidigen, herrlich leichtgängigen Waltraute Maßstäbe für die Zukunft eines Wagner-Gesangs, bei dem elegante Stimmkultur klar vor Krafthuberei geht. Was allein schon diesen konzertanten Luzerner "Ring" zu einem der zentralen Beiträge fürs Wagner-Jahr machte. Wenn da nicht vor allem die Nachdenklichkeit darüber wäre, dass man eine Regie-Interpretation im Grunde nie vermisste...

Autor: Alexander Dick