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31. Januar 2012

Prag lässt nicht los

Das Ensemble Recherche im Freiburger Morat-Institut.

"Eine lange Nacht" war es im Freiburger Morat-Institut. Trotzdem waren die Reihen auch gegen Ende noch gut besetzt; schon Kafka wusste ja bekanntlich: "Prag lässt nicht los". Fesselnde Musik kommt jedenfalls aus dieser Stadt – und das immer noch. Das Ensemble Recherche skizzierte den "Stadtplan Prag", eine Art historische Topographie also, die zeigte, wie sich Komponisten ganz unterschiedlicher Prägung in der Stadt verorten lassen.

Da gibt es zum Beispiel Martin Smolka: Seine Komposition aus dem Jahr 2008 zeigte gleich zu Beginn schon die Stilsicherheit des Ensembles bei der Zusammenstellung des Programms: "Die Seele auf dem Esel" – sehr viel Zeit wird sich in diesem Stück genommen, um die klanglichen Möglichkeiten von Flageolett-Tönen zu erkunden. Auf engstem Raum mutieren scheinbar simple rhythmische Raster, dabei immer in Gefahr aus dem Tritt zu kommen – die Musiker fühlten sich in dieser Instabilität hörbar wohl. In Miroslav Srnkas "Tree of heaven" entwachsen einem immerwährenden Zittern und Beben der Streicher peu à peu neue motivische Äste. In der Mitte des Stücks entfaltete sich schließlich ein Thema von kristalliner Schönheit, das gar nicht oft genug sequenziert werden kann. Bohuslav Martinu stellt in seiner Flötensonate ungezügelte Lebendigkeit neben irritierende Melancholie. Martin Fahlenbock interpretierte diese vielfältige Musik mit dem nötigen Mut zur klanglichen Schärfe. Jean-Pierre Collot demonstrierte dabei am Klavier eine äußerst sinnliche Agogik. Von seinem pulsierenden Spiel lebte auch Alexander Zemlinkys Trio in d-Moll: Vom Klavier aus kamen da im Sekundentakt anstachelnde Bewegungsimpulse.

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Ein ungebremstes Voranschreiten dieser Art wurde in der Uraufführung kompositorisch aufgegriffen: In Petr Baklas "Shift" demonstrieren drei Bläser, begleitet vom Schlagzeug, die Möglichkeiten stetigen motivischen Wandels. "Shift" ist eine Akkumulation klanglicher Metamorphosen oder Verschiebungen, deren Ende nicht absehbar ist – für Bakla ein Ausdruck des sich ändernden "Zeitgeists". Mit der selbstbewussten Ansage im Begleitheft behielten die Veranstalter jedenfalls am Ende Recht: "Die Lange Nacht wird uns heute zu kurz werden!" Dies trotz der immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne, die dem "Zeitgeist" nachgesagt wird – Prag lässt nicht los.

Autor: Martin Andris