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16. September 2011
Spannungen, Leidenschaften
Die "Tschechische Nacht" bei den Nabering-Konzerten in der Freiburger Musikhochschule.
Das Unheil wird bereits in den ersten Takten angekündigt. Ein sehnsüchtiger Aufschwung in den gedämpften, hohen Streichern, ein energischer Einwurf des Cellos – Janáceks erstes Streichquartett kommt gleich zur Sache. Es erzählt von Spannungen und Leidenschaften, von Manie und Depression. Tolstois Eifersuchtsnovelle "Kreutzersonate" hatte den tschechischen Komponisten zu seinem 1923 geschriebenen Streichquartett inspiriert. In der grandiosen Interpretation des Prager Skampa-Quartetts wird das Drama lebendig. Die jäh gestoppten folkloristischen Anklänge des zweiten Satzes, die gespenstischen, am Steg gespielten Tremoli von Violine 2 (Daniela Soucková) und Viola (Radim Sedmidubský), aber auch die manischen Motivwiederholungen im Finale (ebenfalls stark: die Geigerin Helena Jirikovská sowie der Cellist Lukás Polák) und die gleißenden Schlussklänge, die die vier großartigen Musiker in hoher Lage traumwandlerisch sicher intonieren – das ist packend erzählt, mit Stimmungen und Farben, mit Zwischentönen und Katastrophen. Die grandiose "Kreutzersonate" beendet die "Tschechische Nacht", mit der die Nabering-Konzerte in der Freiburger Musikhochschule begeistern.
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Von Beginn an zieht der klug konzipierte Abend in Bann. Dem Konzert ist ein "Salon Franz Kafka" vorangestellt, in dem sich Literatur und Musik begegnen. Rezitator Gerd Heinz entführt mit Kafkas Kurzgeschichten "Der Jäger Gracchus", "Auf der Galerie" und "Der Kreisel" in vertraute Welten, die Überraschungen bergen, verunsichern und auch, wie in der Schlusspointe von "Der Kreisel", erheitern. Dazu kann man sich bei Josef Suks spätromantischer, mit warmem Ton musizierter Elegie op. 23 wohlig im Sitz zurücklehnen oder sich bei den von Lucie Ceralová einfühlsam gesungenen Liedern von Bohuslav Martinu und Joseph Bohuslav Foerster (Klavier: Lambert Bumiller) in die Melancholie fallen lassen.
Aber dem Frieden ist nicht zu trauen. Im das Konzert eröffnenden Streichquartett Nr. 2 in d-Moll von Smetana wird die Idylle immer wieder von heftigen, atemraubend präzis musizierten Unisonoausbrüchen hinterfragt. Ungetrübtes Glück ist nur zu spüren in Dvoráks eingängigen Bagatellen op. 47 für Harmonium (Kirill Gerstein) und Streicher. Erwin Schulhoffs schwierige Violinsonate (1927) härtet die frühere Freiburger Violinprofessorin Latica Honda-Rosenberg mit viel Bogengewicht, präziser Griffhand und expressivem Ton. Auch Janáceks Sonate für Violine und Klavier wird von Honda-Rosenberg und Gerstein mit Nachdruck interpretiert. Zur Melodie der Ballada in der Violine zaubert Gerstein am Klavier schwerelose Arpeggi; der Rollentausch lässt das bereits Gesagte in neuem Licht erscheinen. So bietet die Tschechische Nacht Farbnuancen und Beziehungsgeflechte. Und bleibt durch die verschiedenen Komponisten und Stile, die unterschiedlichen Besetzungen und die hohe Qualität der Ausführenden spannend bis zur letzten Minute.
Autor: Georg Rudiger
