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10. Dezember 2012

Unter Meistern

Berg, Rihm, Gielen: Freiburger SWR-Gesprächskonzert.

"Was geschieht eigentlich mit einem Hörer, wenn er von einer Musik hört, sie sei wahnsinnig kompliziert? Er denkt, sie ist kompliziert". Also fragt und antwortet Wolfgang Rihm, und damit ist klar, was die Hörer im voll besetzten großen Saal des Freiburger E-Werks erwartet: ein Abend, der komplex wird, aber nicht kompliziert, ein ebenso instruktives wie amüsantes Gesprächskonzert, in dem man mehr über Musik lernt und begreift als in manchem musikwissenschaftlichen Hauptseminar.

Der Karlsruher Komponist, Ernst-von-Siemens-Musikpreisträger und, und, und..., und Michael Gielen, Ernst-von-Siemens-Musikpreisträger, Ehrendirigent des SWR-Sinfonieorchesters und, und, und..., spielen sich beim Linie-Zwei-Abend die Bälle – nein: Töne nur so zu; so geht’s zu unter Meistern, und am Ende des Abends steht in der Konsequenz eine unglaublich stringente und sinnliche Interpretation von Alban Bergs Kammerkonzert für Klavier und Violine mit 13 Bläsern. Denn um das geht es, um jenes Opus 8, das der Wiener Meister in ein solches Geflecht persönlicher Chiffren hineinkomponiert (Rihm: "hingeheimnist") hat, dass man schon meinen könnte, es sei eben "kompliziert", wie die Steilvorlage von Moderator Bernd Künzig an Wolfgang Rihm lautete.

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Berg und Mozart: "Komponisten der Entfaltung"

Am Ende war alles anders. Man verließ den Raum im Bewusstsein jener Vertrautheit, die Rihm schon seit seinen jungen Komponistenjahren mit diesem Stück Bergs pflegt, im Bewusstsein diesem oftmals zum Romantiker der Neuen Wiener Schule abgestempelten Komponisten ein Stück näher gekommen zu sein: durch Rihms ganz persönliche, intime Kommentare, durch seine Vergleiche, die den "ungeheuer diskreten" Berg ganz in die Nähe Mozarts rücken: als einen "Komponist der Entfaltung", der sich in einer "Sphäre der scheinbaren Leichtigkeit" bewegt, ganz im Gegenteil zu Beethoven etwa, der den anderen Weg des "Verkomplizierens" gehe. Und durch Michael Gielens so punktgenaue Anmerkungen sowie die Auswahl der Musikbeispiele. Und nicht zuletzt durch das dezidierte, fließende Spiel der wie in einer unsichtbaren Matrix zusammenwirkenden Bläser des SWR-Sinfonieorchesters. Und, schließlich, der beiden famos sich darin einfindenden Solisten Kyrill Gerstein (Klavier) und Thomas Zehetmair (Violine): Gerade Letzterer lässt mit der geschmeidigen Stilistik seines dahinschmelzenden Vibratos übrigens keinen Zweifel am Schauplatz dieser Musik: Wien. Ist doch das Walzermetrum über weite Strecken dieses dreisätzigen Stücks so etwas wie deren konstituierendes Moment. Wolfgang Rihm wird sich zumindest in einem früheren Zitat widerlegt sehen: dass er noch nie eine befriedigende Aufführung dieser Musik erlebt habe...

Autor: Alexander Dick