Klassiker aus Wien und St. Petersburg

Thomas Biniossek

Von Thomas Biniossek

Fr, 04. Januar 2019

St. Märgen

Györgyi Dombrádi und Lambert Bumiller präsentieren beim Neujahrskonzert Ernstes und Heiteres.

ST. MÄRGEN. Die Fahrt am Neujahrstag über den Thurnerrücken war ein Höllenritt, vor lauter Nebel sah man fast die eigene Hand nicht vor den Augen. Doch wer den festlich beleuchteten Kapitelsaal im Klostermuseum erreicht hatte, wurde dort mehr als entschädigt. Beim Neujahrskonzert präsentierten Mezzosopranistin Györgyi Dombrádi und Lambert Bumiller am Flügel Ernstes und Heiteres aus Wien und St. Petersburg zum Start ins neue Jahr.

"Ein Neujahrskonzert und Wien gehören zusammen wie das Rossfest und St. Märgen", nahm Lambert Bumiller die über 100 Besucher mit auf eine spannende Reise. Der Pianist, der mit kleinen Anekdoten, Zitaten, Gedichten und Geschichten zu den Komponisten, den Wirkstätten und dem Liedgut das Konzert bereicherte, und seine Partnerin luden zunächst in die österreichische Hauptstadt ein, die ein Magnet für alle großen Musiker wie Brahms, Mozart oder Beethoven war. Ein erster Block war dem in Wien geborenen Franz Schubert (1797 bis 1828) gewidmet, einem Komponisten, der "einsam und melancholisch war und nur 31 Jahre alt wurde", so Lambert Bumiller. Entsprechend schwer war die Kost, die das Duo mit dem fast bedrohlich wirkenden "Rastloser Liebe", dem schwermütigen "Sehnsucht" und dem getragenen "Das Fischermädchen" präsentierte. Ein Kontrastprogramm war da das Stück "Seligkeit", das flott, fröhlich, tänzerisch und spielerisch daherkam.

Und wunderbar getragen in den tiefen Lagen sowie sicher im Wechsel zur Kopfstimme sang die in Ungarn geborene Györgyi Dombrádi das von Friedrich Schiller gedichtete "Sehnsucht".

Von Wien ging die Reise nach St. Petersburg, dem heutigen Weltkulturerbe, das Zar Peter der Große Anfang des 18. Jahrhunderts als Tor zum Westen gegründet hat und bei dessen Bau Zehntausende Menschen ihr Leben ließen. Dort lebte und wirkte Pjotr (Peter) Tschaikowsky (1846 bis 1916), dem Dombrádi/Bumiller einen weiteren Gesangsblock widmeten. Wunderbar getragen das von Romanow gedichtete "Ich öffnete das Fenster", etwas schwermütig das vertonte Goethe-Gedicht "Lied der Mignon: Nur wer die Sehnsucht kennt", mal drängend, mal ruhig das "Qu´importe que l´hiver" und das von großem Schmerz erfüllte mit wunderbar klarer Stimme vorgetragene "Les Larmes" (Die Tränen). Zuvor in Französisch vorgetragen, wechselte die Mezzosopranistin, die bereits seit über 30 Jahren zusammen mit Bumiller konzertiert, ins Russische und trug das Heine-Gedicht "Ich wollt´ meine Lieb’ ergösse sich all’ in ein einzig Wort" vor mit seinen drängenden, schnellen Passagen.

"Von St. Petersburg bis Wien brauchte man im 19. Jahrhundert mit der Postkutsche rund 20 Tage", berichtete Lambert Burgmüller, der zusammen mit seiner Partnerin diese Reisestrecke in einer 20-minütigen Pause zurücklegte. Leicht kamen die folgenden Lieder aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert daher, ganz im Stil des Walzerkönigs Johann Strauß. Im Dreivierteltakt tanzend das sehnsuchtsvolle Stück "Wien, du Stadt meiner Träume" von Rudolf Siecynski (1879 bis 1952), wunderbar abgestimmt zwischen Klavier und Stimme das "Draußen in Sievering blüht schon der Flieder" aus der Operette "Die Tänzerin Fanny Elssler" von Johann Strauß (1825 bis 1899) und zwei wunderbare Strophen des Wienerlieds "Im Prater blüh’n wieder die Bäume" von Robert Stolz (1880 bis 1975). Der komponierte zudem "In Wien, wo der Wein und der Walzer blüht" und "Wien wird bei Nacht erst schön", was so fröhlich und beschwingt, kräftig und schwungvoll daherkam, dass es kräftigen Applaus gab. Mit dem langsamen Walzer "Im Chambre séparée" aus der Operette "Der Opernball" von Richard Heuberger (1850 bis 1914) und einer Walzermelodie als Zugabe klang ein wunderbarer Konzertabend aus.

Hervorragend auch die eingestreuten Soli von Bumiller. Der Pianist präsentierte mit unglaublicher Spielfreude Schuberts Scherzo in B-Dur, in dem sich "auch ein kleiner Walzer versteckt". Tschaikowskys "Am Kamin" und "Weiße Nächte" aus dem zwölfteiligen Zyklus Jahreszeiten op. 37a für Klavier, gefühlvoll vorgetragen, und das berühmteste und bekannte Werk "Petersburger Schlittenfahrt" von Richard Eilenberg (1848 bis 1927) rissen die Zuhörer mit. Vor allem der Galopp fürs Klavier, von Eilenberg für vier Hände komponiert, zeigte die Virtuosität des Künstlers, der die Glöckchen am Schlitten und das durch den Schnee gedämpfte Trampeln der Pferdehufe lebendig werden ließ.