Klavierspiel in klaren Farben und extremen Kontrasten

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Di, 02. Januar 2018

Sulzburg

Die georgische Pianistin Mzia Jajanidze gastierte zum Jahresabschluss im Laufener Gutshof Güntert in "Weltklassik am Klavier".

SULZBURG-LAUFEN. Ein robuster russischer Kerl stapft da in die Kunstausstellung hinein, ein wenig grob, ein wenig laut, neugierig auf die Bilder, die an den ein Jahr zuvor im jungen Alter verstorbenen Maler Viktor Hartmann erinnern. Er sieht sich um, trampelt zielstrebig auf vertraute Motive zu und wendet sich angesichts von Unbekanntem unschlüssig hin und her. Mussorgsky hat dieses Kunsterlebnis in seinem Zyklus "Bilder einer Ausstellung" meisterhaft in Töne gesetzt und ist wohl selbst dabei in die Rolle des polternden Kunstfreundes geschlüpft. Die georgische Pianistin Mzia Jajanidze, die zum Jahresabschluss im Laufener Gutshof Güntert in der Reihe "Weltklassik am Klavier" gastierte, machte aus Mussorgskys Ausstellungsbesuch ein dramatisches Hörerlebnis.

Die "Bilder einer Ausstellung" leuchteten bei ihr in vitalen, klaren Farben und extremen Kontrasten. Der Pianistin kommt zu Gute, dass sie über eine stupende, nicht mehr steigerungsfähige technische Virtuosität verfügt, der kein Tempo zu schnell ist. Das aufgeregte Geschnatter der Marktfrauen von Limoges, die sirrenden Kettentriller des Küken-Balletts oder der furiose Ritt der Baba Yaga, die in fahlem Licht flackernden Terztremoli im Hexenwald oder das schwerfällige Gerumpel des Ochsenkarrens – in Mzia Jajanidzes Version konnte man Farben hören und Töne sehen, eine Grenzüberschreitung der Genres, wie sie die Romantiker mit wechselndem Geschick versucht haben. Und mit geradezu titanischer Kraft prüfte die Pianistin zum Schluss die Standfestigkeit des großen Tors von Kiew. Ein pianistischer Kraftakt, authentisch, laut und ungefiltert – pure Energie. Angefangen hatte der Abend ganz anders. Mendelssohns "Lieder ohne Worte" aus op. 30 erstrahlten in einem weichen, warmen Licht, in dem die Melodien überirdisch schön aufblühten, selten den Mezzo-Gestus verlassend, dafür reich nuanciert im Piano-Bereich. Ein Allegro di molto in einem luftigen Staccato wie flüchtiges Hufeklappern, eine feierliche Hymne im strahlenden Glanz vollgriffiger Akkorde. Das venezianische Gondellied wurde durch die eigenwillige, an die Grenzen gehende Agogik zu einer geheimnisvollen romantischen Miniatur, in der sich der Sechsachteltakt in ein unberechenbares sanftes Wellenspiel verwandelte. Auch mit Robert Schumanns "Kreisleriana" blieb Jajanidze in der Bilderwelt der Romantik. Die Zerrissenheit des "wahninnigen" Kapellmeisters, der zwischen den Extremen hin und her taumelt, hat Schumann schon mit seinen Tempobezeichnungen angedeutet: Sechs von acht Stücken sind mit dem Zusatz "sehr" versehen, am Anfang sogar "äußerst". Erst der Finalsatz soll einfach nur "schnell und spielend" verlaufen. Mzia Jajanidze ist eine Künstlerin, die auch bei diesen Kontrasten keine Kompromisse macht und die Amplituden bis zur Grenze auslotet. Ihr rasches Non-Legto klingt wie Graupelschauer, die Temperamentsausbrüche wirken kraftvoll, aber nicht roh. Nebenbei spürt sie mit großer Präzision den Details nach, da ein kleines Motiv, das in einer anderen Stimme wieder auftaucht, dort die kunstvolle Verschränkung der Stimmlagen. Diese Transparenz der Darstellung erlaubt ihr wiederum einen freizügigen Umgang mit dem Takt, der das ruhe- und ziellose Umherschweifen der romantischen Seele abbildet. Geheimnisvoll und rätselhaft wie ein Spuk verhuschte der letzte Satz. Den Abend beschloss nach dem gewaltigen Mussorgsky-Finale als Zugabe eine hyper-virtuose "Rondo-Toccata" des georgischen Komponisten Revaz Lagidze, ein elektrisierendes Paradestück mit Laufwerk so geschwind wie Glissandi, das Franz Liszt rein spieltechnisch auf die Plätze verweist. Ein aufregender, stimmungsvoller Abend im gewohnt edlen Ambiente der alten Scheune!