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16. Juni 2012 00:04 Uhr

Betreuungsgeld

"Kleines, dreckiges Foulspiel": Opposition trickst im Bundestag

Wie die Opposition die Fraktionen von Union und FDP beim Betreuungsgeld hereinlegte. "Das war ein kleines dreckiges Foulspiel", schimpft CSU-Generalsekretär Dobrindt.

  1. So leer kann der Bundestag sein. Das Bild entstand am Freitagmittag, kurz nachdem die Sitzung abgebrochen worden war. Foto: dapd

BERLIN. Von der Geschäftsordnung war der Trick gedeckt: Weil die Abgeordneten der Opposition dem Plenarsaal fernblieben, brach Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) die Sitzung ab – aus der Beratung des umstrittenen Betreuungsgeldes wurde nichts. Nun grollt die Koalition.

Der Reihe nach: Der 185. Sitzungstag dieser Wahlperiode beginnt um 9.15 Uhr. Zunächst soll über ein Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen abgestimmt werden. Die erste Debatte über das Betreuungsgeld ist für 12.35 Uhr vorgesehen. Für die Koalition ist dies ein heikler Punkt, da es intern viele Kritiker der neuen Zulage gibt. Union und Liberale müssen um ihre Mehrheit bangen und wären deshalb gut beraten gewesen, für eine hohe Präsenz der eigenen Leute zu sorgen.

Kurz nach elf ist das noch nicht der Fall. Vor allem die Reihen der C-Parteien sind nur schütter besetzt. Aber es geht da ja auch noch nicht um das Betreuungsgeld. Als ein Antrag von SPD und Grünen in Sachen Pressegrosso zur Abstimmung steht, kann sich das Sitzungspräsidium nicht über die Mehrheitsverhältnisse einigen. Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau, die das Plenum zu dem Zeitpunkt leitet, ordnet prompt einen so genannten Hammelsprung an. Das ist ein Abstimmungsverfahren, bei dem alle Abgeordneten den Plenarsaal zunächst verlassen müssen, um ihn dann durch verschiedene Türen wieder zu betreten – je nachdem, ob sie mit Ja oder mit Nein stimmen wollen.

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Doch dazu kommt es diesmal nicht. Die Abgeordneten der Opposition weigern sich, in den Plenarsaal zurückzukehren. Lediglich 211 Parlamentarier machen beim Hammelsprung mit, ein gutes Drittel. Der Bundestag ist aber nur beschlussfähig, wenn mehr als die Hälfte seiner Mitglieder anwesend ist. Vizepräsidentin Pau bricht deshalb die Sitzung ab. Damit entfällt auch der übernächste Tagesordnungspunkt: das Betreuungsgeld.

Wie es weitergeht, bleibt unklar. Der Ältestenrat, der den Parlamentsbetrieb regelt, trifft sich. Koalitionäre und Oppositionelle giften sich an. Beschlüsse werden nicht gefasst. In der Union rufen manche nach einer Sondersitzung noch vor der Sommerpause, um das brisante Thema unter Dach und Fach zu bringen. Aber die Fraktionsspitze nimmt davon Abstand. So bleibt das Betreuungsgeld ein Stichwort für das politische Sommertheater. Eilbedürftig ist die Abstimmung ohnehin nicht, weil die neue Prämie für Eltern frühestens Anfang kommenden Jahres ausgezahlt werden soll.

Auch 126 Abgeordnete der Koalition waren abwesend

Wer ist schuld an dem Schlamassel? Da gibt es widersprüchliche Lesarten. "Das war ein kleines, dreckiges Foulspiel", schimpft CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Der feige Verfahrenstrick offenbare, wie tief die Opposition inzwischen gesunken sei. Sein CDU-Kollege Hermann Gröhe wertet es als Heuchelei, einerseits Diskussionsbedarf anzumelden, andererseits sich dieser Diskussion aber zu entziehen. "Das Verhalten der Opposition ist ein schwerer Missbrauch der Parlamentsrechte und schädigt das Ansehen des Bundestages", beklagen die Fraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer (CDU) und Stefan Müller (CSU). Der Liberale Jörg van Essen spricht von einem Anschlag auf den Parlamentarismus.

Die Opposition kehrt hingegen den Spieß um. SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann verweist auf die Absenz von 126 Abgeordneten aus dem Regierungslager. Das sei ein stummer Protest gegen das auch bei der FDP und bis in die CDU hinein ungeliebte Betreuungsgeld. "Es ist Aufgabe der Mehrheit, für Mehrheiten zu sorgen", sagt der Grüne Volker Beck. Er verteidigt die Verhinderungspolitik seiner Kollegen. Die Entscheidung, an Abstimmungen teilzunehmen oder auch nicht, unterliege der grundgesetzlich garantierten Freiheit des Abgeordneten. Beck widerspricht dem Verdacht, es handle sich um ein gezieltes Manöver der Opposition. "Es gab keine Weisungen", versichert er und fügt hinzu: "Wir waren von der Situation selbst überrascht."

Dies gilt wohl auch für Michael Grosse-Brömer, der für die Union die Parlamentsgeschäfte führt. Er ist erst seit wenigen Wochen im Amt, beerbte Peter Altmaier, nachdem der zum Umweltminister befördert worden war. Grosse-Brömer erfreut sich großer Beliebtheit, er wurde von 96 Prozent seiner Abgeordnetenkollegen gewählt. Nun wird Unmut laut. Dem Vernehmen nach waren viele Unionisten am Freitag vorzeitig abgereist. Die Panne sei Folge eines schweren Managementfehlers der Fraktionsführung, kritisiert ein führender CDU-Mann. "Eine Koalition muss jederzeit handlungsfähig sein."

Autor: Armin Käfer


15 Kommentare

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Thomas Bender

Registriert seit: 04.02.2010

Kommentare: 2506

16. Juni 2012 - 09:52 Uhr

Bundestagspräsident Lammert (CDU) beurteilt die Sache etwas anders und spricht von Fahrlässigkeit der Koalition:

http://m.welt.de/article.do?id=newsticker/news1/article106611718/Betreuungsgeld-Abstimmung-Lammert-kritisiert-Koalition

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Michael Berner

Registriert seit: 10.01.2011

Kommentare: 903

16. Juni 2012 - 10:07 Uhr

Hervorragend! Vielleicht kommen über die nun glücklicherweise vorhandene Sommernachdenkpause auch noch einige aus der Regierungskoalition zur Besinnung.

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Albert Fahney  

Albert Fahney

Registriert seit: 29.10.2010

Kommentare: 144

16. Juni 2012 - 10:23 Uhr

Das dreckige Foulspiel war schon die Einbringung durch die CSU!

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Armin Wolff  

Armin Wolff

Registriert seit: 01.09.2009

Kommentare: 81

16. Juni 2012 - 10:43 Uhr

Man hatte ja schon immer den Verdacht, daß zu den Qualifikationen für den Job als Generalsekret der CSU das Rechnen (oder auch nur bis 3 zählen :-) ) nicht zwingend dazugehört...

Bevor Herr Dobrindt wieder Schaum vorm Mund kriegt und seinen Blutdruck auf ungesunde Werte treibt, sollte er mal im eigenen Lager nachrechnen.

Also, Hilfestellung für mathematisch geforderte und CSU-Mitglieder:
- die Koalition hat im aktuellen 17. deutschen Bundestag (620 Abgeordnete) insgesamt 330 Sitze
- Es dürften also 19 davon fehlen, um ganz alleine die für die Beschlussfähigkeit erforderliche Quote (einer mehr als die Hälfte also 311 Abgeordnete) zu erreichen (*wenn* einem ein Thema tatsächlich wichtig sein sollte... ;-P )
- Es haben tatsächlich 126 Abgeordnete der Koalition gefehlt. Das ist eine beeindruckende Quote von 38,2%. An *meinem* Arbeitsplatz hab ich so eine Fehlquote noch nie erlebt, auch nicht am Freitagnachmittag...

Also: erstmal an die eigene Nase fassen, Herr Dobrindt. Das schafft man auch nach den in Bayern üblichen 2 Maß Bier noch. >8)

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Gelöschter Nutzer #793088

Registriert seit: 16.11.2009

Kommentare: 562

16. Juni 2012 - 12:28 Uhr

Die Zuständige Ministerin Christina Schröder war übrigens auch nicht anwesend. Soviel dazu.

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Jochen Kiefer

Registriert seit: 01.06.2012

Kommentare: 64

16. Juni 2012 - 18:02 Uhr

Die Arbeitsmoral der von uns gewählten und bezahlten Parlamentarier ist nicht mehr in Wort zu fassen. Ob man für oder gegen das Betreuungsgeld ist die eine Sache. Nicht am Arbeitsplatz zu erscheinen, in diesem Fall am Sitzungstag teilzunehmen, das ist schon frech. Offensichtlich ist den betroffenen Damen und Herren jegliche Skrupel abhanden gekommen. Unsere Volksvertreter halten das gemeine Wahlvolk offensichtlich für völlig unterbelichtet und wahrnehmungsgestört. Über zunehmende Politikverdrossenheit und Desinteresse brauchen sich unsere Abgeordneten aber dann bitte nicht mehr beschweren. Wie soll man denn diese Arbeitseinstellung und Auffassung von einer Pflichausübung Kindern und Jugendlichen erklären? Zu Vorbildern eignen sich die meisten Volksvertreter wirklich nicht mehr.

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Thomas Bender

Registriert seit: 04.02.2010

Kommentare: 2506

16. Juni 2012 - 18:59 Uhr

Zum Thema Anwesenheit bei Abstimmungen im Bundestag:

http://blog.abgeordnetenwatch.de/2012/04/25/142-abgeordnete-fehlten-bei-keiner-abstimmung-gauweiler-spitzenreiter-beim-blaumachen/

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Egon Mayer

Registriert seit: 30.06.2010

Kommentare: 1485

16. Juni 2012 - 20:49 Uhr

@Thomas Bender
Danke für den Link. Interessant sind auch die "Schwänzwerte" der Freiburger Abgeordneten:
Kerstin Andreae, Grüne: 30,6%
Gernot Erler, SPD: 32,3 %

Da wirds aber bald mal Zeit für einen blauen Brief vom Direktor!

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Thomas Richter

Registriert seit: 17.06.2012

Kommentare: 1

17. Juni 2012 - 10:10 Uhr

Der deutsche Bundestag ist per Definition im Gegensatz zum us-amerikanischen Kongress ein Arbeitsparlament, was nichts anderes bedeutet, als dass die eigentliche Arbeit an Gesetzesentwürfen in Ausschüssen und anderen Gremien passiert. Die Sitzungen im Parlament haben lediglich den Zweck des öffentlichen Argumentationsaustausches (und natürlich der Abstimmung, was im Normalfall auf Grund der Mehrheitsverhältnisse eh ein Durchwinken ist) und werden daher vor allem von den entsprechenden Experten besucht.

So kommt es auch nicht selten vor, dass beispielsweise der Gesundheitsausschuss tagt, während ein Thema aus dem Finanzbereich im Parlament diskutiert wird, sodass die Abgeordneten also tatsächlich arbeiten anstatt zeitgleich im Parlament rumzusitzen.

Dementsprechend sind diese tollen "Fehllisten" ein lustiger Spaß, aber mehr auch nicht.

Dass das allerdings die zuständige Ministerin sich bei ihrem eigenen Gesetzesentwurf nicht mal in den Bundestag bequemt, ist natürlich ein anderes Thema...

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Herbert Pommerenke  

Herbert Pommerenke

Registriert seit: 29.11.2010

Kommentare: 994

17. Juni 2012 - 12:38 Uhr

Um was gings denn eigentlich, ach ja um das Betreuungsgeld! Den
Umfragen zu Folge ist ja die Mehrheit der Bevölkerung dagegen. So
unsere heutige Gesellschaft.
Kinder in die KITA, OPA/OMA ins Altersheim dann ist Platz für die Karriere,
Selbstverwirklichung u. Party. Fehlt nur noch die Erweiterung der KITAS
mit Übernachtung für Tage und Wochen, dann ist der Urlaub auch noch
gerettet, ach ja und das, oder sie Haustiere werden ausgesetzt.
Perfekte Familienplanung!!

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Ralph Walchner

Registriert seit: 26.06.2009

Kommentare: 804

17. Juni 2012 - 18:17 Uhr

Herr Pommerenke, sie vergaßen neben Party und Selbstverwirklichung noch die Lebenshaltung. Oder passt es nicht in Ihr Weltbild, dass viele Eltern arbeiten müssen um die Miete zu bezahlen?

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Herbert Pommerenke  

Herbert Pommerenke

Registriert seit: 29.11.2010

Kommentare: 994

18. Juni 2012 - 09:16 Uhr

Herr Walchner und Herr Pape, ich habe keine Lust über ihre Zeilen
nachzudenken und gehe auch nicht darauf ein.
Nehmen wir mal an sie säßen bei "Neues aus der Anstalt" und Herr
Briol würde genau meinen Text vortragen. Sie würden klatschen und
jaulen vor Freude.
Ihre Humorlosigkeit ist hiermit bewiesen!

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Bernice Bacheberle  

Bernice Bacheberle

Registriert seit: 27.02.2010

Kommentare: 2017

18. Juni 2012 - 10:27 Uhr

Die Reaktion in den C-Reihen zeigt deutliche Kritik am Fraktionszwang.
Dieser ist auch undemokratisch. Deshalb gehört er abgeschafft.

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Moritz Rau

Registriert seit: 26.07.2011

Kommentare: 294

18. Juni 2012 - 13:01 Uhr

Herr Pommerenke,

wenn man Großverdiener ist, ist es einfach über die Einkommenverhältnisse vieler Mitbürger lapidar hinwegzugehen. Nehmen Sie doch mal die Mietpreise in Freiburg und Umland. Ansonsten völlige Selbstüberschätzung zum eigenen Humorniveau.

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Karl Stülpner

Registriert seit: 24.02.2012

Kommentare: 18

18. Juni 2012 - 16:13 Uhr

Mir fällt zu dem Ganzen nur ein Wort ein -Betrug- Wie kann man für eine Abgeordneten Tätigkeit Geld verlangen die man gar nicht wahrnimmt. Sind Abgeordnete etwa besondere Spezies, die nicht an gesellschaftliche Normen gebunden sind? Wo bleibt der empörte Aufschrei der Öffentlichkeit. Man stelle sich vor ein Arbeitnehmer geht nicht zur Arbeit, verlangt aber Lohn?

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