Fotografischer Schatz ermöglicht Zeitreise

Hermann Jacob

Von Hermann Jacob

Mo, 20. August 2012

Kleines Wiesental

Harald Senn zeigte beim Frühschoppen in der Tegernauer "Krone" 200 Fotografien aus den erhalten gebliebenen 700 Glasplatten seines Großvaters Wilhelm Senn.

TEGERNAU. Auf riesiges Interesse stieß beim sonntäglichen "Krone"-Frühschoppen der Vortrag von Harald Senn aus Bürchau, der im voll besetzten Saal des Tegernauer Wirtshausmuseums erstmals rund 200 Schwarzweiß-Fotografien seines Großvaters Wilhelm Senn (1900-1951) aus einem Schatz von etwa 700 Glasplatten zeigte. Die Aufnahmen dokumentieren sehr eindrucksvoll das Alltagsleben in den 20er, 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Für den 10. Oktober ist eine Wiederholung angekündigt.

Von einer "großen Sensation" sprach Dr. Hans Viardot. Was hier zu sehen ist, lasse sich auf jedes andere Schwarzwalddorf übertragen und zeige exemplarisch die damaligen Lebensverhältnisse der Landbevölkerung.

"Wilhelm Senn – Landwirt, Autodidakt und Fotograf" überschrieb Harald Senn seinen Vortrag. Zuerst stellte er den technisch sehr begabten Großvater vor, der Drechselarbeiten anfertigte, Radiogeräte zusammenbaute und Fahrräder reparierte. Schon früh gab es ein Telefon zum Nachbarhaus, und er hatte eines der ersten Autos. Nicht mehr benötigte Glasplatten verwendete er als Fensterglas. Unter einer Stiege auf der Laube, in einem winzigen mit Holz verkleideten Raum, hatte er seine Dunkelkammer. Wie er zu den Materialien kam, wie er sich das Wissen aneignete, ist nicht bekannt, berichtete Harald Senn.

Feste und Bräuche, Menschen und ihre harte Arbeit, die Familie am Esstisch, Ortsbild und Landschaft. Fotos von Kindern und der vom Leben gezeichneten Alten. Die bei der Konfirmation von den Mädchen erstmals getragenen Trachten, aufgebahrte Verstorbene, aber auch die Zwangsarbeiter in der Nazizeit mit den Nummern auf der Jacke – Wilhelm Senn schuf eine umfassende Dokumentation, hat sehr bewusst seine Umgebung wahrgenommen und für die Nachwelt festgehalten.

Dass der Dorffotograf "ohne zu werten", den Alltag in der Zeit des Dritten Reichs zeigt, hob Dr. Viardot hervor und ergänzte, dass im Krieg fast in jedem Bauernhaus Zwangsarbeiter beschäftigt waren, die man in örtlichen Gefängnissen unterbrachte. In der Regel habe die Bevölkerung ein gutes Verhältnis gehabt zu den unfreiwilligen Helfern. "Das wäre mal ein Thema", meinte Viardot. An dieses Kapitel Heimatgeschichte sollte man jetzt ungezwungen heran gehen, denn bald werden auch die letzten Zeitzeugen verschwunden sein. Dank Wilhelm Senn blickt man in die Gesichter von gefangenen Franzosen oder Russen, wodurch diese schlimme Zeit auch ein Gesicht auf Seiten der Opfer bekommt.

Harald Senn hat die Erfahrung gemacht, dass ältere Leute beim betrachten der Bilder noch manche Details wissen. So konnte zum Beispiel auch am Sonntag Willi Zeh anschaulich erzählen, wie es damals war, als er zusammen mitseinen Kameraden nach der Musterung zum Weinholen nach Auggen unterwegs war. Denn er war selbst auf dem Foto. Aufmärsche und Versammlungen in der Nazizeit hat Wilhelm Senn fotografiert, auch als 1926 in Schönau das Schlageter-Denkmal eingeweiht wurde.

Ein "Aah" ging durch die Reihen, als zu einer Hochzeitsgesellschaft auch die damaligen Hochzeitstorten gezeigt wurden. Zu Fuß mussten die Bürchauer früher nach Neuenweg in die Kirche gehen. Auch wie sich das Ortsbild und die Landschaft verändert hat, lässt staunen. Viele Hänge, die heute bewaldet sind, ob in Bürchau oder Neuenweg, wurden bewirtschaftet, es gab noch viele Obstbäume. Zu sehen ist das erste Schwimmbad in Bürchau und frühere Wirtschaften.

Besonders eindrucksvoll sind die Aufnahmen von Menschen bei der Arbeit: Holzmacher, die nur mit Säge und Axt riesige Baumstämme bearbeiten und Holzstapel aufschichten, die sich den ganzen Hang hinaufziehen. Eine Arbeiter beim Wegebau, die nur mit Pickel und Schaufel große Erdmassen bewegen, und Steine zu Schotter selbst zerkleinern.

Im Winter bahnen Gespanne mit Kühen und Pferden die steilen Wege. Nach Oberbürchau führte zum Haus von Wilhelm Senn nur eine Art Feldweg, der im Winter nicht mit Fahrzeugen zu befahren war.

Sehr schön sind die Bilder von Kindern, mit ihren halblangen Hosen, hohen Schnürschuhen und genagelten Sohlen. Ein viereinhalb Jahre altes Mädchen bekam schon die Tracht angezogen. Einen hohen Nostalgiewert haben auch Aufnahmen von Menschen mit ihren Fahrrädern oder auf dem Motorrad.

Nicht nur im Wiesental, auch auf dem Schauinsland und am Titisee hat Wilhelm Senn fotografiert: Etwa die im Jahr 1930 gebaute Schauinslandbahn, die damals die erste Großkabinen-Umlaufbahn der Welt war, aber auch das legendäre Schauinslandrennen hatte es dem technikbegeisterten Bürchauer angetan. Ein weiteres Thema ist der Tod: Ein Pferdegespann zieht den Leiterwagen mit dem Sarg, Verstorbene wurden im Haus aufgebahrt. Man ging ganz natürlich mit dem Tod um, sagte Hans Viardot, die Angehörigen saßen um den Sarg herum.

Auf diesen Fotos sind auch Wilhelm Senns erste Frau und der Sohn zu sehen, mit dem sie sich im Nonnenmattweiher das Leben nahm.

Zum Schluss gab es noch Bilder vom Luftschiff "Graf Zeppelin" aus dem Jahr 1930 und vom Dammbruch am Nonnenmattweiher anno 1920, als das Dorf überschwemmt wurde und der See leer lief.

Dank der geretteten Glasplatten blieben Dokumente in hervorragender Qualität erhalten. "Wenn mal 90 Jahre lang ein USB-Stick oder eine Diskette irgendwo liegt, kann es niemand mehr lesen" gab Harald Senn zu bedenken.

Die "Gesamtschau der 20er- bis 40er-Jahre" sei so komprimiert wohl kaum mehr zu finden, verdeutlichte Hans Viardot die Bedeutung. Anhand dieser Fotografien ergäben sich viele Möglichkeiten, einzelne Aspekte der Heimatgeschichte aufzuarbeiten, und "das sollte man tun".

Info: Die Wiederholung des Vortrags findet am Mittwoch, 10. Oktober, um 19 Uhr in der "Krone" statt.