Gehaltvolle Geschichten rund um das stille Örtchen

Ralph Lacher

Von Ralph Lacher

Mo, 03. September 2018

Kleines Wiesental

Beim zweiten Schießhüslifest im Tegernauer Wirtshausmuseum "Krone" steht das historische Plumpsklo erneut im Mittelpunkt.

KLEINES WIESENTAL/TEGERNAU (vfsw). Um Ideen nicht verlegen ist man im Team des Wirtshausmuseums "Krone", wenn es darum geht, die Einrichtung mit Aktionstagen ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Ein wahrlich außergewöhnliches Thema gewählt hatte sich Hans Viardot am Freitagabend – knapp zwei Dutzend Gäste kamen zum zweiten Schießhüslifest.

Die Geschichte des Kronen-Aborts:
In seinen launigen Ausführungen zur Geschichte des "Schießhüsli" im Tegernauer Gasthaus "Krone" erwähnte Hans Viardot, dass die Wirtshaustoilette auf eine preußische Verordnung aus dem Jahr 1884 zurückgeht. Damals verfügte die Bismarck-Administration, dass in allen öffentlichen Einrichtungen eine Toilette, im Behördendeutsch damals drastisch "Scheißhaus" genannt, vorhanden sein müsse. Bis diese Anordnung dann auch fern von Berlin in Wiesentäler Gaststätten umgesetzt wurde, vergingen allerdings noch einige Jahre. Erst 1901 erhielt der damalige Kronenwirt Johann-Friedrich Hug die Genehmigung vom Großherzoglichen Bezirksamt Schopfheim zur Erstellung des Kronen- Schießhüsli. Das hatte ein Pissoir und Pinkelrinnen, ein "Unisex"-Plumpsklo für die Gäste und eines, das den Wirtsleuten vorbehalten war. Erstellt wurde es damals vom Zimmermeister Johann-Georg Stolz aus Tegernau, der dann auch noch für ein ähnliches Häusle gegenüber der Kirche – beim "Ochsen" verantwortlich zeichnete. Das Ochsen-Schießhüsli ist längst abgerissen, so dass die alte "Krone"-Toilette ein wahrlich historischer Ort mit Alleinstellungscharakter ist, sagte Viardot. Als Toilette genutzt wurde das Schießhüsli bis 1996. Nach der Erstellung moderner Toiletten im heutigen Wirtshausmuseum "Krone" haben Schüler der Gewerbeschule Schopfheim 2002 es liebevoll restauriert einschließlich der Biberschwanz-Eindeckung. Erhalten blieben auch die Klobürsten, die hölzernen Klodeckel, alte Underbergflaschen und Graffiti.

Kulturgeschichte der Toilette
Hans Viardot verband seine Ausführungen mit historischen Fakten und eigenen Anekdoten zur Kulturgeschichte der Toilette. Mit deren Einführung sollten "Austreten" im Freien und entsprechende "Spuren", so Viardot, verhindert werden. Und dabei, so erinnerte sich Viardot zurück, sei gerade das "Erleichtern an der frischen Luft" von den Menschen gerade auf dem Lande gerne gepflegt worden. Mit den menschlichen Exkrementen wurden nicht nur die Felder und Äcker gedüngt, sondern auch die Hausgärten, erinnerte sich der in Tegernau geborene frühere Landarzt an seine Kinder- und Jugendtage. Nur zwei Mal im Jahr habe man die Gruben geleert – ein Überschwappen der Behältnisse kam dabei durchaus vor. Und bei der Ernte von Gemüse und Salat in den Hausgärten hätte man immer auch die Überreste der "Scheißhaus"-Nutzung gefunden: "Zeitungspapier fand sich damals schön verteilt in den Gemüse- und Salatbeeten", erzählte Viardot schmunzelnd. Die Schattenseiten des eher geringen Hygienebewusstseins hat Viardot in seinem Alltag als Mediziner beschäftigt: "Die Wurmbelastung der Menschen damals war grenzwertig und erstreckte sich von der Made bis zum Bandwurm." Mit Blick auf die "Orte der Erleichterung" vergangener Jahrhunderte erinnerte Viardot daran, dass bei den alten Römern der Toilettengang eine sozioökonomische Komponente hatte: "Da wurde in Reihen mit bis zu 60 Plumpsklos auch Politik und Geschäfte gemacht." Später sei der Toilettengang zu einer schambehafteten Sache geworden und damit aus dem öffentlichen Bereich verschwunden. Auch die Bezeichnungen änderten sich – Lokus, Latrine, Abort, Abtritt, Donnerbalken, Plumpsklo waren Bezeichnungen. Im alemannischen Raum gab es dazu den "Potschamber", die mobile Toilette in Gestalt eines Nachttopfes, französisch "Pot de Chambre". Den entleerte man auf dem Misthaufen und in der Stadt einfach zum Fenster hinaus.

Der Rest vom Fest:
Beim Schießhüslifest gab es Musik, Coverversionen englisch- und deutschsprachiger Pop-und Rocksongs und Schlager sowie die Eigenkomposition "Schießhüsli-Song" mit dem Duo Simon Rathgeber an der Gitarre und Werner "Turbo" Turowski am Harmonium. Und ausgiebig Gelegenheit, über das zuvor Gehörte und vieles mehr zu reden.