Klinikum weist Vorwürfe zurück

Hubert Röderer

Von Hubert Röderer

Fr, 08. Mai 2015

Ortenaukreis

Geschäftsführer Lörch räumt die hohen Belastungen in der Pflege ein, die Kritik von Kreisrat Oßwald aber sei völlig überzogen.

ORTENAU. Im Februar hat Kreisrat Lukas Oßwald (Linke) heftige Kritik am Ortenau-Klinikum geübt: Das Pflegepersonal arbeite dort, insbesondere am Standort Kehl, unter schier unerträglichen Zuständen. Jetzt hat Oßwald nachgelegt und dabei besonders den Standort Lahr ins Visier genommen. Klinikum-Geschäftsführer Manfred Lörch und Hans-Jürgen Kargoll, Sprecher der Pflegedirektoren, haben Oßwalds Vorwürfe vehement zurückgewiesen. Sie seien meist völlig überzogen bis grundlegend falsch. Zudem wäre der Bund in der Hauptsache der richtige Adressat.

In der Februar-Sitzung des Krankenhausausschusses des Kreistags hat Oßwald kräftig vom Leder gezogen: Das Ortenau-Klinikum beschäftige viel zu wenig Pflegemitarbeiter. Alleine am Standort Kehl würden die Mitarbeiter mehr als 8000 Überstunden vor sich her schieben, Halbtagsbeschäftigte würden bis zu 100 Prozent verplant, der Mitarbeiter-Krankenstand liege weit über dem Schnitt, Dienstpläne würden viel zu kurzfristig bekannt gegeben, das "Arbeiten auf Abruf" zur Regel. Der Ortenaukreis sei dabei, "die Pflege im Ortenau-Klinikum kaputt zu sparen", auch durch eine viel zu niedrige Kreisumlage. Landrat Scherer legte sofort Einspruch ein: Man wisse um die hohen Belastungen – doch vielerorts sehe es viel, viel schlimmer aus. Überdies seien erst neulich 114 zusätzliche Stellen geschaffen worden.

In der jüngsten – nicht öffentlichen – Sitzung legte Geschäftsführer Manfred Lörch dem Ausschuss Fakten vor, darüber berichtete er am Donnerstag vor der Presse. Einige seiner Vorwürfe habe Oßwald zurückgenommen: Soweit nicht, habe der Ausschuss mit 22:1 Stimmen festgestellt, dass all seine Behauptungen widerlegt wurden. Einzige Gegenstimme: die von Oßwald. Nicht 8000 Überstunden hätten Ende 2014 zu Buche gestanden, sondern 2871. Die Zahl der Überstunden sei seit Jahren sinkend. Natürlich müssten Teilzeitkräfte auch mal Mehrarbeit leisten, so Lörch, doch die Überstunden könnten bei Gelegenheit abgebaut werden oder würden vergütet. Der Pflegemitarbeiter-Krankenstand in Kehl liege klar unterm Landesschnitt, was wohl auch an Angeboten in punkto Prävention und Stressbewältigung liege. Dienstpläne würden bis zu vier Wochen vor Inkrafttreten erstellt. Es bestehe genügend Gelegenheit, Änderungswünsche vorzubringen. Es sei lediglich so, dass die Pläne drei Tage vor Inkrafttreten verbindlich werden. Mitarbeiter, die frei haben, würden nur "in absoluten Ausnahmefällen" gebeten, für erkrankte Mitarbeiter einzuspringen, etwa wenn eine Nachtwache kurzfristig ausfällt.

Lörch: Kritik ist zum Teil unverschämt

Dass am Klinikum Lahr acht Stellen nicht besetzt werden können, sei ebenso "falsch: Grundsätzlich können alle Stellen besetzt werden. Richtig ist, dass bei unvorhergesehenen längeren krankheitsbedingten Ausfällen und kurzfristig mitgeteilten Beschäftigungsverboten vorübergehend einzelne Stellen frei sind." Auch in seinem aktuellen Papier attackiert Oßwald Kreisspitze und Klinikleitung, auch die Fraktionen: So schiebe der Standort Lahr einen Berg von 25 000 Überstunden vor sich her , mit einer Erhöhung der Kreisumlage – vom Kreistag mehrheitlich nicht gewünscht – könnte viel Gutes bewirkt werden. Oßwald rügt auch, dass das Führen von Reinigungslisten ausgesetzt, "Vitalzeichenkontrollen" reduziert, die "Begleitung der Visite" ausgesetzt würden oder die Ganzkörperpflege nur noch mit Einmalwaschtüchern stattfinden soll.

Lörch kontert: Derlei Vorwürfe seien durchweg falsch, jener, wonach ein Pflegemitarbeiter bei der ärztlichen Visite nicht mehr dabei sein soll, sogar "unverschämt". Oßwald habe sich vor einen Karren spannen lassen und unsachliche, polemische und nachweisbar falsche Kritik ungeprüft übernommen. Natürlich, fügte Kargoll hinzu, gebe es "unvorhergesehene Überstunden", die seien ausschließlich der "Situation geschuldet: Zudem bekommt jeder die Arbeitszeit gut geschrieben, die notwendig ist." Lediglich einmal habe er erlebt, dass einem Mitarbeiter Überstunden nicht angerechnet wurden – "weil sie nicht notwendig waren".

Lörch räumt sehr wohl ein, dass das Personal hohen Belastungen ausgesetzt sei. Dieses sei an der "Schmerzgrenze", man versuche gegenzusteuern, so gut es gehe. Man habe schon mehr Stellen geschaffen, als durch die Krankenkassen vergütet werden. So lagen die Personalkosten in der Pflege am Klinikum Offenburg-Gengenbach 2014 bei 27 Millionen Euro. Die Krankenkassen hätte nur 23 Millionen gestemmt, vier Millionen das Klinikum selbst. Lörch empfahl Oßwald, die Kritik an Bund und Krankenkassen zu richten. Seit Jahren sei bekannt, dass die Gelder von dort viel zu dürftig seien – bundesweit. Viele Kliniken litten unter den viel zu geringen Budgetzuweisungen, viele seien deshalb schon in die Insolvenz gegangen. Dass der Ortenaukreis finanziell für den Bund noch mehr einspringe, könne einfach nicht angehen.