Berliner Landgericht

Können Raser Mörder sein?

Christian Rath und dpa

Von Christian Rath & dpa

Mo, 19. November 2018 um 20:47 Uhr

Panorama

Zwei Raser werden nach einem tödlichen Autorennen wegen Mordes verurteilt. Der Bundesgerichtshof aber hebt die Entscheidung auf. Nun ging der Prozess erneut an den Start.

Zwei Raser werden nach einem tödlichen Autorennen wegen Mordes verurteilt – deutschlandweit erstmals in einem solchen Fall. Der Bundesgerichtshof aber hebt die Entscheidung auf; seit Montag gibt es die Neuauflage des Prozesses vor dem Berliner Landgericht. Die Angeklagten Hamdi H. (heute 29) und Marvin N. (27) müssen sich erneut wegen Mordes an einem unbeteiligten Autofahrer auf dem Berliner Ku'damm verantworten. Zum Prozessauftakt schwiegen beide.

Die Angeklagten ließen über ihre Anwälte erklären, sie wollten sich wie bisher nicht zu den Vorwürfen äußern. Regungslos hörten sie sich die Vorwürfe an. Ihr Schweigen trifft auch den 37-jährigen Sohn des Getöteten, wie dieser sagt. Er ist auch diesmal wieder als Nebenkläger im Saal. Es sei schwer, erneut ins Gericht zu kommen, gesteht Maximilian Warshitsky. Er wirft den Angeklagten vor, "sich hinter ihren Anwälten zu verstecken". Bis heute habe er von ihnen kein Wort der Entschuldigung gehört. Er hoffe auf ein Urteil mit Signalwirkung.

Im Februar 2016 hielten die Angeklagten mit ihren Autos nachts um halb eins zufällig vor einer Ampel am Kurfürstendamm nebeneinander. Per Handzeichen verabredeten sie ein Rennen bis zum Kaufhaus KaDeWe. Auf der 3,5 Kilometer langen Strecke passierten sie mit ihren PS-starken Autos elf Ampeln, manche bei Rot. An der letzten Kreuzung lag N. vorn, der aus dem Kosovo stammende H. beschleunigte dann auf mehr als Tempo 160. Da fuhr vor ihm ein Rentner mit seinem Jeep bei Grün aus einer Nebenstraße auf die Kreuzung. Durch den Aufprall wurde der Jeep durch die Luft geschleudert, der Mann starb am Unfallort.

Im ersten Prozess verurteilte das Landgericht Berlin die Raser im Februar 2017 wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Sie hätten spätestens in der letzten Kurve mit bedingtem Vorsatz den Tod von Passanten in Kauf genommen. Weil sie "gemeingefährliche Mittel" benutzt hatten (die Autos), wurden die Männer nicht wegen Totschlags, sondern wegen Mordes verurteilt. Früher waren tödliche Raserfälle in der Regel als fahrlässige Tötung (Höchststrafe: fünf Jahre) eingestuft worden.

Der Bundesgerichtshof hob das Mordurteil im März 2018 wegen Rechtsfehlern auf. So habe das Landgericht ausgeblendet, dass sich die beiden Raser bei ihrer halsbrecherischen Fahrt auch selbst gefährdeten und eventuell schon deshalb auf einen guten Ausgang vertraut haben könnten. Zudem sei der vom Landgericht festgestellte Tötungsvorsatz rechtlich irrelevant, weil er erst für die letzte Kurve gelten solle. Zu diesem Zeitpunkt hätten die beiden Raser den Unfall aber ohnehin nicht mehr verhindern können.

Nun muss das Landgericht Berlin neu entscheiden. Ein erster Versuch war im August abgebrochen worden. Die damals zuständigen Richter waren von den Angeklagten erfolgreich wegen "Besorgnis der Befangenheit" abgelehnt worden. Sie hatten sich in einem Haftbeschluss zu sehr auf das (aufgehobene) Mordurteil bezogen. Die Angeklagten sitzen bis heute in Untersuchungshaft. Eine neue Verurteilung wegen Mordes ist – mit besserer Begründung – immer noch möglich. Das BGH-Urteil hat dies aber nicht gerade nahegelegt.