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09. Juli 2014

UNTERM STRICH: Nicht mehr ganz dicht?

Warum sich ein Schweizer Akw bohrende Fragen gefallen lassen muss / Von Stefan Hupka.

Wann ist ein Loch ein Loch? Und: Wo gehört ein Loch hin, wo aber nicht? Man dachte, dass in solchen Fragen kein Volk so kompetent ist wie unsere helvetischen Nachbarn. Sind sie doch die Versiertesten in Europa, wenn es darum geht, Löcher in Berge zu bohren, durch die der Verkehr rollt, oder einen Käse auch noch erstrebenswert erscheinen zu lassen, wenn er voller Löcher ist. Aber selbst aus Schweizer Sicht kann ein Loch des Guten zu viel sein. In diesem Fall waren es sechs. Die haben Kontrolleure des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats im Atomkraftwerk Leibstadt entdeckt – vis-a-vis von Dogern am Hochrhein. Bereits am 24. Juni, aber weil sie so verdutzt waren, brauchten die Kontrolleure fast zwei Wochen, bevor sie es der Öffentlichkeit mitteilen mochten. Dabei hatten die Handwerker es gut gemeint und ausschließlich an den Schutz von Mensch und Material gedacht, als sie zwei Handfeuerlöscher an die Wand gedübelt und dafür zuvor sechs Löcher in die Wand gebohrt haben.

Das Problem an der Sache: Diese Wand ist das sogenannte Primärcontainment des 1275-Megawatt-Siedewasserreaktors – eine 3,8 Zentimeter starke Stahlhülle um den Reaktordruckbehälter, also dessen innerster Sicherheitsbereich. Die Leibstadt-Bohrer werden argumentiert haben, wie es jeder Heimwerker nach Lage der Dinge tun würde: dass ein Loch, das man per Dübel und Schraube wieder solide verschließt, per definitionem kein Loch mehr ist. Das sieht die Atomaufsicht anders. Sie nennt die Bohrungen "wanddurchdringend", spricht von einer "Beschädigung des Primärcontainments", rügt ein "bedeutendes Defizit im organisatorischen Bereich" und hat ultimativ ein Wiederverstopfen der sechs Löcher bis zum 18. Juli verfügt. Sonst droht die Abschaltung des Akw. Das geht Greenpeace ("haarsträubend") nicht schnell genug, dort verlangt man den Sofortstopp. Eher maulend klingt dagegen die Reaktion der Betreiber: Auch in einem Akw "können wir keine Null-Fehler-Kultur gewährleisten". Schade eigentlich.

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Autor: hup