Der Fusionist

Martin Dahms

Von Martin Dahms

Mi, 06. Dezember 2017

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IM PROFIL:Mário Centeno, neuer Chef der Eurogruppe aus Portugal, ist Finanzminister einer linken Regierung, der liberale Politik macht.

Die Europäische Union hat viele Mitglieder, da ist es schwierig, die Innenpolitik jedes einzelnen Landes im Blick zu behalten. So dürfte jenseits von Portugal kaum jemand etwas von der konservativen Abgeordneten Cecilia Meireles gehört haben. Sie sagte aber im Dezember 2015 einen schönen Satz, gerichtet an den gerade ins Amt gewählten Finanzminister Mário Centeno, den man in Brüssel sicherlich mit Wohlgefallen aufgenommen hätte: "Diese Regierung, die mit dem Versprechen angetreten ist, der Europäischen Kommission einen Tritt vors Schienbein zu versetzen, hat sich in eine fügsame und disziplinierte Regierung verwandelt, sobald es eine erste ernsthafte Entscheidung zu treffen gab."

Der Satz war als Kritik gemeint, aber er fasst ziemlich gut die Politik der sozialistischen Regierung von Ministerpräsident António Costa und seinem Finanzminister Centeno in den vergangenen zwei Jahren zusammen. Sie pflegen einen linken, zuweilen EU-kritischen Diskurs, aber im Ernstfall vermeiden sie den Konflikt mit europäischen Institutionen. Niemand muss sich vor Mário Centeno fürchten, der am Montag zum Nachfolger des Niederländers Jeroen Dijsselbloem als Eurogruppenchef gewählt wurde. Er tut, was er für richtig hält, ohne sich um ideologische Reinheit zu kümmern. Deshalb entschloss er sich im Dezember 2015 auch zur Rettung einer der vielen portugiesischen Krisenbanken, in diesem Fall der Banif, mit drei Milliarden Euro Steuergeld, wofür er sich den Spott der Konservativen Meireles gefallen lassen musste. Centeno gab damals gelassen zurück: "Wir mussten in drei Wochen das tun, was die (Vorgänger-)Regierung von Passos Coelho nicht in drei Jahren getan hat."

Pedro Passos Coelho war einst der Liebling von Wolfgang Schäuble. Der konservative Ministerpräsident führte sein Land von 2011 bis 2015 mit klassischer Austeritätspolitik durch die schlimmsten Krisenjahre, scharf beäugt von Internationalem Währungsfonds und Europäischer Union, die Portugal mit einem 78-Milliarden-Euro-Kredit unterstützt hatten. Als die Portugiesen bei der Parlamentswahl im Herbst 2015 eine neue, linke Regierung möglich machten, die "das Blatt der Austerität wenden" wollte, war Schäuble so besorgt, dass er noch im März dieses Jahres die Notwendigkeit einer zweiten Rettung Portugals an die Wand malte.

Seine politischen Gegner

unterschätzen ihn gerne

Zwei Monate später hatte er sich beruhigt. Und nannte Mário Centeno den "Ronaldo" unter den europäischen Finanzministern. Die Umstände halfen. Ganz Europa hat aus der schweren Krise herausgefunden, auch Portugal. Die Wirtschaft wächst wie seit Langem nicht mehr, befeuert von niedrigen Zinsen, anziehenden Exporten und einem Touristenboom. Centeno sorgte als Finanzminister dafür, dass sich der Segen im Haushalt niederschlug. Die Neuverschuldung wird in diesem Jahr voraussichtlich gerade einmal 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprechen, so wenig wie noch nie in den vergangenen 40 Jahren. Centeno ist ein freundlicher Mann, aber er kann ziemlich streng sein mit seinen Ministerkollegen, wenn sie das Blatt der Austerität zu weit wenden wollen.

Der künftige Eurogruppenchef, der an diesem Samstag 51 Jahre alt wird, ist ein Quereinsteiger in die Politik. Den größten Teil seines Berufslebens verbrachte der studierte Volkswirt mit Promotion in Harvard in der portugiesischen Zentralbank, erst 2015 folgte er dem Ruf des damaligen sozialistischen Spitzenkandidaten Costa, um für ihn ein Wirtschaftsprogramm zu schreiben. Kurz darauf wurde er Finanzminister. Er ist ein langsamer Sprecher und geduldiger Zuhörer, weshalb ihn politische Gegner, die mehr Biss gewohnt sind, manchmal unterschätzen. Trotz seiner Nähe zu den portugiesischen Sozialisten hat er eine ideologische Selbstverortung immer vermieden. Nur seine Familie und der Fußballclub Benfica definierten ihn, sagte er einmal. Er glaubt an die "Fusion" der besten sozialdemokratischen und liberalen Ideen. So will er sich in Brüssel an die Arbeit machen. Er verspricht, dort einen Reformprozess in Gang zu bringen, mit besonderem Augenmerk auf die europäische Bankenunion. Fügsam sollen diesmal die anderen sein.