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20. Februar 2016

Der urteilende Papst

Die Öffentlichkeit nimmt verbale Entgleisungen von Franziskus kaum zur Kenntnis.

Selten klafften öffentliche Wahrnehmung und Essenz eines Pontifikats so weit auseinander wie bei Franziskus. Dieser Papst, der die Barmherzigkeit ins Zentrum seiner Mission gestellt hat, fällt schärfste Urteile, darunter nicht selten Fehlurteile. Denkwürdig ist in diesem Zusammenhang seine jüngste Einmischung in den US-Wahlkampf.

Er mische sich nicht ein, sagte Franziskus wörtlich, um sich selbst im nächsten Halbsatz zu dementieren und über Donald Trump, den populistischen Rechtsaußen-Kandidaten der Republikaner das Schwert zu brechen: "Ich sage nur, dass dieser Mann kein Christ ist." Der in milde klingende Verklausulierungen verpackte Satz war von seltener Aggressivität, egal was man von Trump halten mag. Franziskus beeindruckt die Welt mit seiner Leutseligkeit. Seine Aussagen können hingegen von großer Schärfe sein.

Zum echten Problem wird diese Haltung, wenn sich der urteilende Papst dabei krasse Fehlurteile erlaubt. Auf die Frage, ob Abtreibung oder Verhütung als Reaktion auf den besonders für Föten im Mutterleib als gefährlich geltenden Zika-Virus ein "kleineres Übel" sein könnte, antwortete Franziskus, Abtreibung sei kein kleineres Übel, sondern ein Verbrechen. "Das bedeutet jemanden umzubringen, um einen anderen zu retten. Das ist dasselbe, was die Mafia macht." Die Mafia unterhält ein System von Angst und Unterdrückung, um ihre wirtschaftlichen Interessen zu befriedigen und greift dabei auch zur Gewalt. Mit Abtreibung in Notsituationen hat dieses System nichts zu tun.

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Beeindruckend ist die Bereitschaft der Öffentlichkeit, derartige Äußerungen von Franziskus mit einem Schulterzucken hinzunehmen. Nicht der Mafia-Vergleich wird hervorgehoben, sondern eine scheinbare Öffnung bei der Frage, unter welchen Bedingungen Verhütung erlaubt sei oder nicht. Dabei zeigt sich eine selektive Wahrnehmung des Pontifikats. Entgleisungen passen nicht in das verzerrte Bild, das von Franziskus gezeichnet wird. Man sieht diesem unkonventionellen Mann, der den Stempel des Reformpapstes hat, auch die Verteidigung von Klapsen für Kinder nach. Auch seine Opposition gegen die Homo-Ehe oder seine Verurteilung der Gender-Theorie. Franziskus bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung der Papst des Wandels.

Maßgeblich für seinen Erfolg wird sein, ob Franziskus mit der Reform seiner Kirche vorankommt. Auch dabei stehen dem Papst die von ihm selbst geweckten Erwartungen im Weg. Ob die römische Kurie ein wenig umstrukturiert wird, ist unerheblich. Auch in der zur Schicksalsfrage mutierten Debatte um die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion wird es keine rasche Öffnung geben. Barmherzigkeit ist das Schlagwort, mit dem Franziskus sein Pontifikat versehen hat. Seine jüngsten Entgleisungen erwecken den Anschein realitätsferner Selbstgerechtigkeit.

Autor: Julius Müller-Meiningen