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09. Februar 2012

Leitartikel

Die 62. Filmfestspiele von Berlin: Erfolgreich im Kreuzfeuer

Die größte Stärke der Berlinale ist ihre bunte Mischung

Heute Abend wird feierlich die 62. Berlinale eröffnet, mit dem französischen Historienfilm "Les adieux à la reine". Aber eine erste Erfolgsmeldung gab es schon am Montag: Wenige Minuten nach Start des Kartenverkaufs im Internet waren etliche Wettbewerbsfilme ausgebucht. Und am Potsdamer Platz hatten Filmfreunde 60 Stunden lang vor den Schaltern ausgeharrt, um Tickets zu ergattern. Besonders begehrt waren die Sondervorführungen im Friedrichstadtpalast, der Bollywood-Fetzer "Don – The King is back" mit Indiens Superstar Shah Rukh Khan erwies sich als größter Renner. Als Publikumsfestival hat diese Berlinale schon jetzt mächtig Punkte gemacht. Vielleicht lassen sich die 484 860 Kinobesuche vom Vorjahr noch übertreffen, denn mit dem "Haus der Berliner Festspiele" gibt es einen neuen großen Vorführort.

Es geht also, wieder mal, zehn Tage lang beides zusammen: gehobene Filmkunst und Massenvergnügen zum Abkreischen. Sogar in ein und derselben Sektion – im Internationalen Wettbewerb, im Forum oder im Panorama – findet sich oft genug das waghalsige Experiment, das nach dem Festival sang- und klanglos verschwinden könnte, in unmittelbarer Nachbarschaft zum kommenden Kinohit. Für manche Beobachter scheint diese Melange sehr verwirrend zu sein, sogar für Leute vom Fach. So gab Regisseurin Doris Dörrie gerade ihre große Besorgnis zu Protokoll: Sie beobachte schon länger eine Ablösung des Festival-Films vom Publikumsfilm auf der Berlinale; vieles hier sei fast gegen das Publikum gemacht. Ganz im Gegensatz dazu wird beim Verband der deutschen Filmkritik bitterlich die harmonische Beliebigkeit und populistische "Umarmungsstrategie" der Berliner Filmfestspiele beklagt.

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Spätestens seit Dieter Kosslicks Amtsantritt 2001 ist die Berlinale zu groß, zu klein; zu bunt, zu grau; viel zu sehr auf Massengeschmack gepeilt und schrecklich elitär. Jedes Unternehmen aber, das dermaßen aus allen nur denkbaren Rohren beschossen wird, darf sich freuen: Es muss eine Menge richtig gemacht haben. So verstehen das offenbar auch die Berlinale-Verantwortlichen. Kosslicks Vertrag als Festivalchef wurde bis 2016 verlängert . Bei der Zusammenstellung des Wettbewerbsprogramms scheint die Direktion diesmal allerdings stärker auf kompetente Ratgeber gehört zu haben, Feinjustierungen gibt es durchaus.

Unangetastet bleibt die Programmstruktur, und das ist gut so. Die vielen Nebenschauplätze sind wichtige Impulsgeber. So macht die jährliche große Retrospektive vergessene Traditionslinien fruchtbar, diesmal mit deutsch-russischer Kinoavantgarde aus den 1920er Jahren. Und das "Forum Expanded" zeigt neue Möglichkeiten der Bewegtbilder, etwa den stundenaktuellen Handyfilm mit sofortiger Wiedergabe auf öffentlichen Leinwänden. Da ist man ganz aktuell, dokumentiert ein wichtiges Element bei Demonstrationen des Arabischen Frühlings.

Aufzählen könnte man noch lange. Und manchem ist das Gemenge eben zu bunt. Doch wenn die Berlinale im Reigen der großen Festivals ein bedeutsames Alleinstellungsmerkmal hat, dann ist es genau diese Mischung, bei meist vorbildlicher Kuratierung im einzelnen Segment. Cannes hat mehr Glamour, größere Stars und auch ein paar aufregendere Filme. Venedig andererseits ist nach der Verabschiedung des Festivalchefs Marco Müller in Turbulenzen geraten, der Nachfolger Alberto Barbera möchte sich jetzt stärker an Berlin orientieren. Er hat dabei vor allem eine eigene Plattform für Verkäufer und Verleihfirmen im Auge, analog zum "European Film Market" der Berlinale, aber sein Vergleichsmaßstab ist durchgängig bemerkenswert. Auch wenn in den nächsten Tagen also bestimmt wieder über ein paar allzu schwache Berliner Festivalfilme geschimpft wird: Diese Berlinale steht gut da. So viel Vorschusslorbeer darf sein.

Autor: Jürgen Frey