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04. Februar 2012

Die Botschaft der Kälte

Die hohen Opferzahlen im Osten Europas zeigen, wie groß der Modernisierungsbedarf ist.

Während sich viele Menschen in Mittel- und Westeuropa über das knackige Winterwetter freuen, sterben in Osteuropa zu Hunderten Obdachlose, Alte und Kranke. Die arktische Kälte zeigt einmal mehr, wie hoch das West-Ost-Gefälle in Europa immer noch ist.

Am Freitag waren es in der Ukraine bereits 101 Menschen, die seit dem Beginn der "Eiszeit" Ende Januar erfroren sind. In Polen starben 37 Personen. In Rumänien und Russland gibt es ebenfalls Dutzende Opfer. Die Kältekatastrophe im östlichen Teil des Kontinents ist nicht allein damit zu erklären, dass die Temperaturen etwa in der Ukraine mit minus 35 Grad sibirisches Niveau erreichen. Vielmehr werfen die hohen Opferzahlen ein Schlaglicht auf die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Realität in den Ländern des Ostens. Das bitterste Beispiel ist die Ukraine. Dort befindet sich der Staat in den Händen einer mafiosen Clique von zwielichtigen Wirtschaftsbossen, den Oligarchen. Seit 20 Jahren plündern sie das Land aus. Daran hat auch die demokratische Orange Revolution des Jahres 2004 nichts geändert. Die Oligarchen haben Milliardenreichtümer angehäuft und protzen mit Luxusjachten und anderen Statussymbolen.

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Die Bevölkerung dagegen friert und hungert – und dies nicht erst, seit das sibirische Hochdruckgebiet Cooper das Regiment übernommen hat. Im noch warmen Herbst 2011 demonstrierten Zehntausende Rentner, Tschernobyl-Veteranen und Afghanistan-Invaliden, weil die Regierung ihnen die Sozialhilfe gekürzt hatte. Schlimmer noch: Die Infrastruktur im Land ist bis ins Mark marode und droht, wenn sie nicht gerade Oligarchenbesitz versorgt, zusammenzubrechen. Vor allem deshalb sterben derzeit so viele Menschen im größten rein europäischen Flächenstaat des Kontinents.

Doch auch im EU- und Wirtschaftswunderland Polen gibt es noch viel zu tun, wie die Kältewelle zeigt. Zwischen Oder und Bug kommen derzeit nicht nur Obdachlose und Alkoholkranke ums Leben. Fast 40 Opfer sind in dieser Personengruppe bereits zu beklagen. Mehr als ein Dutzend Menschen ist aber auch in den eigenen Häusern an Kohlenmonoxidvergiftungen gestorben, weil die Heizungssysteme defekt waren. Das sagt mehr über den nach wie vor großen Modernisierungsbedarf im Land aus als alle ökonomischen Kennziffern.

Das West-Ost-Gefälle in Europa bleibt hoch. Ändern ließe sich dies nur, wenn die EU und ihre stärksten Mitglieder wie Deutschland und Frankreich dies als vordringliche Aufgabe ernst nehmen würden. Das Gegenteil ist der Fall. In Brüssel, Paris und Berlin hat sich in den vergangenen Jahren eine Ost-Ernüchterung breitgemacht. Das mag verständlich sein, wenn man etwa auf die haarsträubende Entwicklung in der Ukraine schaut. Aber die Folgen der westlichen Gleichgültigkeit sind eine EU-Ernüchterung in Polen und Absetzbewegungen in Ungarn.

Autor: Ulrich Krökel