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04. Juni 2011
Die Energiewende – eine Chance für die Wirtschaft
BZ-GASTBEITRAG: Eicke R. Weber wirbt für eine gut geplante, gestaffelte Abschaltung der Atomkraftwerke.
Die Abschaltung aller deutschen Kernkraftwerke bis spätestens 2022 ist beschlossene Sache. Ein Problem könnte bleiben: Der alte Atomkompromiss sah eine allmähliche Abschaltung vor. Dies war gut mit dem raschen Zubau der Ernte erneuerbarer Energien zu koordinieren. Nun sah es abe zunächst nach einem ungeschickten Zwei-Stufenprozess aus: Die sieben alten Atommeiler plus Krümmel bleiben vom Netz, die neun weiteren Meiler sollten erst 2018 bis 2022 abgeschaltet werden. Ob es jetzt doch zu einer gestaffelten Abschaltung mit konkreten Laufzeiten für alle Meiler ab 2015 kommt, wie die Kanzlerin gestern andeutete, kann man nur hoffen.
Die Beibehaltung der Brennelementesteuer ist gut: Es war ein großer Fehler des alten Atomkompromisses von Rot-Grün, dass auf eine Abschöpfung eines Teils der exorbitanten Gewinne aus dem Betrieb alter Meiler verzichtet wurde.
Eine Gefahr liegt noch in der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Die Kernkraftbetreiber fürchten den raschen Zubau von dezentral erzeugten Kilowattstunden wie der Teufel das Weihwasser, da diese nicht mehr von ihnen verkauft werden. Auf der anderen Seite ist der dezentral erzeugte Strom aus Wind und Solarenergie die beste Seite der Energiewende. Dieser Strom wird nah am Verbraucher produziert mit wenig Leitungsproblemen.
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Die künftigen Vergütungen für die Einspeisung dieses Stroms stellen noch eine sehr wichtige Frage dar. Zunächst sollen die Vergütungen für Offshore-Windanlagen erhöht werden, um diese aufwändige Art der Stromerzeugung attraktiver zu machen. Der Vergütung für Solarstrom droht dagegen eine zu rasche Absenkung. Der Grund ist ein zu enger Zielkorridor für die gewünschte Leistung des Zubaus an Solarstrom: Im Jahr 2010 installierten wir bereits mehr als sieben Gigawatt an Photovoltaik Leistung, und wenn wir 2020 auch nur zehn bis 15 Prozent unseres Stroms aus dieser Quelle ernten wollen, benötigen wir weiteren jährlichen Zubau in ähnlicher Größe. Die Einspeisevergütungen werden auf die Stromkunden umgelegt. Diese Umlage könnte noch leicht steigen, wird aber im jährlichen Anstieg der Strompreise, getrieben besonders durch steigende Öl- und Gaspreise, kaum wahrnehmbar sein. Jenseits von 2020 werden wir bereits die preisstabilisierende Wirkung der Einspeisung von heimischem Strom aus Sonne und Wind spüren. Die von der EEG-Umlage befreite stromintensive Industrie in Deutschland spürt dies bereits. Voraussetzung dafür ist aber eine mäßige Absenkung der Einspeisetarife, im Takt mit den Preissenkungen der Solarsysteme. Eine zu drastische Absenkung könnte diesen auch für die lokalen Arbeitsplätze so wichtigen Markt zerstören.
Dazu kommt noch die Behandlung von Speichern bei den Verbrauchern: Wir erreichen die Netzparität Ende des Jahres, wenn der Einspeisepreis für Solarstrom unter den Haushaltsstrompreis sinkt. Dann wird es für die Betreiber von Solaranlagen zunehmend attraktiv, zunächst den Eigenverbrauch abzudecken und dafür nur die bedeutend geringere Prämie für Eigenverbrauch abzurechnen, was die EEG-Umlage reduziert. Für besonders hohen Eigenverbrauch gibt es im alten EEG einen Bonus, der die Anschaffung von dezentraler Speichertechnologie fördern soll. Ein Haus mit eigenem Stromspeicher wird mehr selbst hergestellten Solarstrom abnehmen können. Die vorgesehene Streichung dieses Bonus widerspricht den Interessen der Verbraucher wie auch dem Wunsch der Netzbetreiber nach Ausbau der Speicher.
Sicher können durch die Abschaltung der Kernkraftwerke Probleme in der Stabilisierung des Stromnetzes auftreten. Eine Zunahme von Stromimporten zu Zeiten von geringer Leistung aus Sonne und Wind ist nicht bedenklich, wenn wir dies durch vergleichbaren Export ausgleichen können. Schon früher wurden jährlich große Strommengen ein- und ausgeführt, zuletzt sogar mit einer sich öffnenden Schere zugunsten unserer Exporte. Diese wird sich nun für einige Jahre zugunsten von Nettoimporten ändern, was nicht weiter bedenklich ist, wenn wir beim raschen Zubau der Erneuerbaren bleiben, begleitet vom Zubau lokaler, effektiver gasgefeuerter Blockheizkraftwerke.
Unsere Energiewende wird weltweit Beachtung finden: Wir entwickeln führend Technologien in Energieeffizienz und der Ernte erneuerbarer Energie für die globale Energiewende. Dies wird uns die Erhaltung und den Zugewinn von Arbeitsplätzen und eine Fortführung des Wirtschaftswunders sichern.
– Der Autor ist Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg.
Autor: eiw
