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31. März 2011

BZ-Gastbeitrag

Die unehrliche Debatte über die Reaktorkatastrophe

Für Sylvius Hartwig steigen die Risiken, wenn Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Weil dann Fachleute fehlen.

Wir Deutschen stehen im Verruf, politische Debatten grundsätzlicher, penibler und intoleranter als Andere zu führen. Gegner werden in einer Alles-oder-Nichts-Haltung verteufelt. Dadurch aufgebaute Extrempositionen machen eine politische Lösung fast unmöglich. Das bestimmt auch die jetzige Kernenergiedebatte infolge der japanischen Ereignisse.

Die bei uns verlangte Rücknahme der Laufzeitverlängerung legt nahe, dass der sofortige Ausstieg aus der Kernenergie das Gebot sei. Naiv wird unterstellt, dass damit die öffentliche Sicherheit steige, damit verbundene Gefahren werden nicht genannt. Die Ereignisse in Fukushima führen uns vor Augen, dass solche Havarien Auswirkungen auf viele Länder haben. Auch die Deutschland umgebenden Anlagen bergen ein schweres Schadenspotenzial für uns. Ein Sachverhalt, der nahe legt, mit technologischen Alleingängen vorsichtig zu sein.

Mindestens bis zur Zeit der Regierung Schröder gehörten die deutschen Anlagen zur Spitze der sichersten Anlagen der Welt. Die rastlos vorgetragenen Zweifel der Gegner haben zu dem sehr hohen Sicherheitsstand beigetragen.

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Technologie – auch die Kerntechnologie – ist überall zu kaufen. Was nicht zu kaufen ist, ist die durch Sozialisation erzeugte Haltung, die für störungsarme Technologie sorgt, also die sicherheitspositive Seite des menschlichen Faktors (mF). Dieser mF ist für jede Technologie von überragender Bedeutung, neun von zehn Störfällen sind hier begründet. Das trifft sich mit den Deutschen zugeschriebenen Eigenschaften Pünktlich- und Verlässlichkeit, die schon als Sekundärtugenden abqualifiziert wurden.

Der Stillstand von nuklearen Anlagen in den vergangenen drei Jahren bei uns ist nicht zufällig. Es lassen sich hier verschiedene Sicherheitskulturen bei Betreibern und Ländern erkennen, auch zum Beispiel, dass Anlagen sowjetischer Bauart eine gravierende Sicherheitsrolle anhaftet. Deshalb verbessert das Stilllegen deutscher Anlagen unser Risiko nicht, da die Zahl und Qualität ausländischer alles überwiegt. Gleichermaßen spielt der mF bei der Eskalation um Fukushima 1 eine entscheidende Rolle.

Die Sicherheitstechnologie spielt im Umfang und Wert bei der Kerntechnologie die dominierende Rolle. Deshalb nimmt Sicherheit in der Entwicklung, Forschung und Lehre die überragende Rolle ein. Nach dem Schröder-Beschluss wurden viele Lehrstühle nicht mehr besetzt und die Kernforschungsanlage Jülich für diesen Bereich geschlossen. Man hatte Technik gemeint, aber die Sicherheit getroffen. Die Ausbildung zur nuklearen Sicherheitstechnik ist schwer geschwächt angesichts von mehr als 150 Anlagen jenseits unserer Grenzen. Die Zukunft wird risikoreicher.

Werden Anlagen abgeschaltet, hört damit das Risiko nicht auf. Im konventionellen Bereich entstehen Störfälle mit den schwerwiegendsten Folgen im Stillstand. Untersuchungen von uns haben gezeigt, dass bei nicht normalem Produktionszustand (dazu gehören auch Abschaltung und Stillstand) das Risiko für Störfälle 20-fach größer ist. Auch dies ist ein mF-Problem und gilt auch für den Nuklearbereich (siehe Fukushima 4).

Schon jetzt haben wir Probleme, hoch qualifizierten Nachwuchs für die Nukleartechnologie zu bekommen. In die Sicherheit zu investieren, ist unpopulär. Wird in Schulen investiert, so sieht man den Erfolg. Wird in Sicherheit investiert, sieht man bei Erfolg nichts und kann mit "Nichtergebnissen" keinen Wahlkampf führen. Das beschreibt die politische sicherheitstechnische Kultur.

China wird sein Reaktorbauprogramm fortsetzen, die Chinesen haben aus Energiemangel keine andere Wahl. Angesichts der Industrieunfälle erzeugt dies Furcht. Damit wir nach dem Ausstieg mitreden können, obwohl wir dann nicht mehr im nuklearen Boot sitzen, brauchen wir bessere Ausbildung und Experten als jetzt, damit wir eine Chance haben, die dominierende Gefahr jenseits der Grenzen zu beeinflussen. Als "Niemand" wird uns keiner einladen. Wir brauchen viele Spezialisten für alle Bereiche, in Zukunft mehr als jetzt, einschließlich einer qualifizierten Aufsichtsbehörde.

Deutschland wird das einzige große Industrieland ohne Kernenergie sein. China, Russland, England, Frankreich, die USA verkünden, dass sie den Ausbau fortsetzen werden. Mit der sich abzeichnenden Politik sieht die Zukunft dunkel aus, denn wir haben nicht die Wahl eines Ausstiegs ohne Folgen.

– Der Verfasser ist Professor für Sicherheitstechnik der Universität Wuppertal und Autor des Buches "Eine Nation im freien Fall – Deutschland in der Sicherheitskrise".

Autor: bz