Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
26. November 2011
Die zweischneidige Zauberformel
BZ-GASTBEITRAG: Wolfgang Kessler findet, dass "grünes Wachstum" eine Perspektive sein kann, aber nicht muss.
"Grünes Wachstum" ist eine neue Zauberformel für viele Politiker, Gewerkschafter und Unternehmer. Sie verheißt weiter kräftige Zuwächse der Wirtschaft, höhere Steuereinnahmen – und dies bei einem geringeren Verbrauch an endlichen Ressourcen. Darin sehen viele Verantwortliche einen eleganten Ausweg aus dem Problem, dass ihre Forderung nach mehr Wachstum auf Kritik stößt.
In der Tat bietet grünes Wachstum durchaus die Chance, sozialen Fortschritt mit ökologischer Nachhaltigkeit zu verbinden. Dies gilt allerdings nur dann, wenn es mehr ist als ein Versuch ist, den alten Wachstumsbegriff grün zu bemänteln. Die Grundidee für grünes Wachstum ist nicht neu. Seit langem fordern engagierte Ökonomen wie der Amerikaner Amory Lovins oder der Deutsche Ernst Ulrich von Weizsäcker eine Effizienzrevolution. In seinen Büchern rechnet der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete von Weizsäcker vor, dass unser Wohlstand auch mit einem Fünftel des Ressourcenverbrauchs erreichbar wäre, wenn nur alle Glieder der Gesellschaft ressourceneffizient arbeiten würden.
Diesen Gedanken haben Politiker und auch Vertreter der Wirtschaft inzwischen zu einer Strategie verdichtet: Investieren wir Milliarden in erneuerbare Energietechnologien, in die Einsparung von Energie und in Recyclingtechnologien, dann können wir mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Kosten für die Unternehmen sinken. Gleichzeitig entstehen neue Technologien, die neue Märkte erschließen. Die Umwelt retten, neue Investitionsziele für die Finanzmärkte generieren und dabei Millionen neue Arbeitsplätze schaffen, diese Strategie schweißt so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank oder IG-Metall-Chef Berthold Huber mit vielen Politikern aus unterschiedlichen Parteien zusammen.
Werbung
"Grünes Wachstum" halten viele Beobachter auch für die einzige gemeinsame Perspektive auf dem bevorstehenden Klimagipfel im südafrikanischen Durban. Mehr Wohlstand bei geringerem Ressourcenverbrauch – diese Strategie scheint sogar so unterschiedlichen Regierungen wie jenen der USA, Chinas oder Indiens gleichermaßen vermittelbar.
"Grünes Wachstum" als neue Weltformel? Ganz so einfach ist es nicht. Kein Zweifel besteht darin, dass Investitionen in neue Ökotechnologien viele neue Arbeitsplätze schaffen können. Ob damit jedoch der Verbrauch an Ressourcen nachhaltig gesenkt werden kann, ist ungewiss. Zwar wird ständig die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch beschworen, doch in den vergangenen Jahren hat sie nur begrenzt stattgefunden. Wer die Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung (OECD) über die Entwicklung in den Industrieländern genau liest, stellt fest: Der Ressourcenverbrauch stieg zwar in den vergangenen Jahren langsamer als das Wachstum, aber er stieg.
Dies liegt daran, dass auch "grünes Wachstum" neue ökonomische Aktivitäten schafft, zusätzliche Einkommen generiert, so dass der Wachstumseffekt die Einsparung an Ressourcen ausgleicht. Wenn Autos weniger Sprit brauchen, die Menschen aber mehr mit dem Auto fahren, wird nichts gespart. Eine nachhaltige Wirtschaftsweise entsteht so nicht.
Ist die Debatte über "grünes Wachstum" damit sinnlos? Nicht unbedingt. Es macht Sinn, massiv in die Einsparung von Ressourcen und nachhaltige Technologien zu investieren – und dies je mehr, desto besser. Nachhaltig sind diese Investitionen jedoch nur, wenn am Ende eine Wirtschaftsweise entsteht, die dauerhaft mit deutlich weniger Ressourcen auskommt – und mit weniger Wachstum.
Dies bedeutet eine Abkehr von der gegenwärtigen Wegwerfwirtschaft – hin zu langlebigen Produkten und Dienstleistungen, eine Wende hin zu Car-Sharing und öffentlichem Verkehr statt immer mehr Autos, einen Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft, in der so gut wie alle Rohstoffe am Ende des Kreislaufs wiederverwertet werden. Erst dann arbeiten die Industrieländer auf einen Wirtschafts- und Lebensstil hin, der mit den Bedürfnissen der Milliarden Menschen im Süden nach einem besseren Leben vereinbar ist.
"Grünes Wachstum" ist eine sehr zweischneidige Weltformel. Sie kann dazu missbraucht werden, der Wachstumswirtschaft einen grünen Anstrich zu verpassen. Dann ist sie wie alter Wein in einem neuen Schlauch. Sie kann aber auch das Wachstum jener Technologien vorantreiben, die eine wirklich grüne Wirtschaftsweise möglich machen. Dann bietet die Formel eine Perspektive.
– Wolfgang Kessler ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur der christlichen Zeitung Politik-Forum
Autor: kess
