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24. November 2011

Ein Plan, der nicht aufging

Der Andrang auf die Hochschulen übertrifft alle Prognosen – und alle Ausbauprogramme.

Ja, mach nur einen Plan! Bertolt Brecht zweifelte an menschlicher Planung, und diese Zweifel werden durch die neuesten Studierendenzahlen wieder einmal bestätigt. Denn die Prognosen, wie viele junge Menschen sich in diesem Jahr zum Studium entschließen, sind durchweg übertroffen. Das lässt für nächstes Jahr, wenn in Baden-Württemberg der doppelte Abiturjahrgang entlassen wird, nichts Gutes ahnen.

Gewiss, in den Wissenschaftsministerien von Bund und Ländern hat man versucht, Vorsorge zu treffen. Um die doppelten Abiturjahrgänge aufzufangen, die durch den gleichzeitigen Abschluss von Klassen aus dem acht- und dem neunjährigen Gymnasium zustande kommen, haben sie ehrgeizige Ausbauprogramme für die Hochschulen gestartet. Baden-Württemberg beispielsweise hat 22 000 zusätzliche Studienplätze bis 2012 geplant – bis 2012. Das war immer knapp gerechnet, doch die Strategen nahmen einfach mal an, dass mancher Abiturient vielleicht ein Jahr zuwarten würde, ehe er sich an einer Hochschule einschreiben wollte.

Und dann hoffte man auf einen Verteileffekt: Ostdeutsche Universitäten sind zum Teil wenig ausgelastet, so dass westdeutsche Abiturienten auf der Suche nach einem Studienplatz dorthin ausweichen könnten. Diese Hoffnung, angesichts der starken Heimatorientierung deutscher Studienanfänger vermutlich immer schon falsch, hat getrogen, wie die Entwicklung der Studierendenzahlen in diesem Wintersemester zeigt. Man studiert lieber in überfüllten Hörsälen, aber nahe dem Elternhaus, als in den Osten auszuweichen, obwohl dort intensive Betreuung durch Professoren garantiert ist.

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Aber auch die Annahme, die jungen Leute würden ein Wartejahr einlegen, hat sich nicht erfüllt. Dazu hat gewiss die abrupte Abschaffung des Wehrdienstes beigetragen, die die Hochschulstrategen überrascht hat. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass Abiturienten das eine Jahr, das sie die durch die verkürzte Schulzeit mit hohen Leistungsanforderungen gewonnen haben, gleich nach dem Abitur wieder verschenken?

So kam es, wie man es nach Brecht erwarten musste: Die Pläne gehen nicht auf. Schon in diesem Jahr sind die Wachstumsprognosen für die Studienanfänger deutlich übertroffen, sogar in Baden-Württemberg, obwohl dort erst nächstes Jahr die gern beschworene Studenten-"Flut" eintritt. Die Hochschulen rufen deshalb schon nach weiterem Ausbau. Dennoch jubeln die Wissenschaftspolitiker über die neue Studierfreude. Damit gehorchen sie freilich allein der Statistik, die Deutschland im internationalen Vergleich des Akademikeranteils auf einem eher schmählichen Mittelplatz sieht. Die Studenten dagegen haben die Planungsfehler ganz konkret auszubaden – eben in überfüllten Hörsälen. Leidtragende sind auch die Dozenten: Selbst die ehrgeizigste Lehre stößt bei diesem Massenandrang an ihre Grenzen.

Autor: Wulf Rüskamp