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03. November 2009
Geld für frühe Bildung ist auch Geld gegen Angst
Eine erstmals der Öffentlichkeit präsentierte These auf einer Tagung des Max-Planck-Instituts in Freiburg lässt aufhorchen
Straftaten verursachen Leid. Wer Opfer eines Einbruchs oder einer Körperverletzung wurde, leidet daran oft noch Jahre später. Doch auch die bloße Kriminalitätsfurcht kann Menschen beeinträchtigen. Wer Angst vor Verbrechen hat, lebt eingeschränkt, fühlt sich unwohl, verlässt weniger seine Wohnung. Das Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht (MPI) untersucht deshalb auch Fragen der Kriminalitätsfurcht und hatte jetzt Experten aus ganz Deutschland zu einer Tagung über Sicherheitswahrnehmungen eingeladen.
Dass subjektive Kriminalitätsfurcht wenig mit dem objektiven Kriminalitätsrisiko zu tun hat, ist in der kriminologischen Forschung längst anerkannt. Je sicherer eine Gesellschaft lebt, umso größer ist die Angst vor Kriminalität, lautet ein bekanntes Paradoxon. Und auch die Verteilung von Verbrechensfurcht innerhalb der Gesellschaft verhält sich meistens umgekehrt zur realen Gefährdung. So haben ältere Menschen am meisten Angst vor Kriminalität, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer einer Gewalttat werden, viel niedriger ist als etwa bei den 18- bis 21-Jährigen. Das berichtete auf der Tagung Astrid Plankensteiner von der Uni München. Individuell wird dies damit erklärt, dass sich alte Menschen, aber auch Frauen, verwundbarer fühlen als junge Männer. Auch intensiver Medienkonsum erhöht die Kriminalitätsfurcht. Wer häufig fernsieht, richtet allmählich sein Weltbild am Gesehenen aus. Er empfindet die Welt als bedrohlicher, hält seine Mitmenschen für niederträchtiger und überschätzt die Häufigkeit von Verbrechen meist drastisch, berichtete Gerhard Vowe von der Uni Düsseldorf über Ergebnisse der Medienforschung. "Im Fernsehen sind einfach viel häufiger Polizisten zu sehen als zum Beispiel Ingenieure", betonte Vowe.
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Bis hierhin fasste die Freiburger Tagung vor allem schon Bekanntes zusammen. Neu war hingegen der Ansatz der Freiburger Soziologin Dina Hummelsheim, die am veranstaltenden Max-Planck-Institut forscht. Sie hat festgestellt, dass auch Höhe und Art staatlicher Sozialleistungen Auswirkungen auf die Kriminalitätsfurcht der Bevölkerung haben. Verglichen hat sie dabei die Situation in 23 EU-Staaten. Am geringsten war die Kriminalitätsfurcht in den skandinavischen Staaten. Nur zehn bis 20 Prozent der Befragten fühlen sich unsicher, wenn sie sich nach Einbruch der Dunkelheit in ihrer Wohngegend bewegen. In den kontinental-europäischen Staaten – von Portugal bis Deutschland – lag der Wert zwischen 15 und 30 Prozent, also schon deutlich höher. Am höchsten war die Kriminalitätsfurcht mit 30 bis 40 Prozent in Irland, Großbritannien und Osteuropa.
Für Hummelsheim ergibt sich ein klarer Zusammenhang: Im skandinavischen Wohlfahrtsstaat ist die Kriminalitätsfurcht spürbar geringer als in den angelsächsischen Ländern mit ihren eher niedrigen Sozialausgaben. Osteuropa blieb wegen der umbruchbedingten Unsicherheit beim Vergleich quasi außer Konkurrenz. Doch nach Hummelsheims Untersuchungen, die sie zum ersten Mal in Deutschland vorstellte, kommt es nicht nur auf die Höhe, sondern auch auf die Art der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen an. Besonders positiv schien ihr die Wirkung von Programmen, die die individuellen Fähigkeiten stärken, etwa Ausgaben für Bildung und frühkindliche Kinderbetreuung. Die These von Dina Hummelsheim: Investitionen in frühe Bildung unterstützt bei den Kindern die Entwicklung von sozialen Fähigkeiten, die es später erleichtern, mit Kriminalitätsrisiken und -erfahrungen umzugehen. Investitionen in frühe Betreuung erhöhen wiederum die Erwerbsmöglichkeiten der Eltern, die so eher das Gefühl haben, ihr Leben selbst zu meistern. All das führe auch zu einer Reduzierung der Kriminalitätsfurcht – sogar noch im hohen Alter, also Jahrzehnte nach der staatlichen Investition. Wenn das keine nachhaltige Wirkung ist . . .
Autor: Christian Rath
