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15. Oktober 2010

Mit Buddha zum inneren Christus unterwegs

BUCH IN DER DISKUSSION:Der Benediktiner David Steindl-Rast erklärt das Apostolische Glaubensbekenntnis religionsübergreifend.

  1. David Steindl-Rast:Credo. Ein Glaube,der alle verbindet. Mit einem Vorwort des Dalai Lama. Herder, Freiburg 2010. 240 Seiten, 18,95 Euro. Foto: bz

"Je weniger wir die spezifisch christliche Form des menschlichen Ur-Vertrauens, die wir im Credo bekennen, verabsolutieren und zur einzig richtigen machen, umso überzeugender werden wir sie finden." Ungewohnte Worte aus der Feder eines Mönchs. Der Benediktiner David Steindl-Rast versteht in seinem Buch über das Apostolische Glaubensbekenntnis die christlichen Konfessionen nur als Teilgruppen einer weltweiten Glaubensgemeinschaft. Dabei ist "nur" keine qualitative Einschränkung. Es weitet im Gegenteil den Blick für einen Zugewinn an Gemeinschaft, Kraft – und an Plausibilität.

Die älteste gültige Zusammenfassung christlichen Glaubens ist in Steindl-Rasts Darstellung "gerade Ausdruck dessen, was alle Menschen, die zu ihrem wahren Selbst vorstoßen, gemeinsam haben – eine der Möglichkeiten, dieses Gemeinsame auszudrücken, eben die christliche Ausdrucksweise". Man könnte das für eine rührende Wunschvorstellung halten. Der 84-Jährige lässt aber nicht nur die Erfahrung eines Lebens im interreligiösen Dialog einfließen, sondern auch die modernen Wissenschaften einschließlich der Psychologie. Er greift auf Lyrik zurück, um den Begriff der Mystik erfahrbar zu machen. Und er begegnet der aktuellen Autoritätskrise mit Jesu Ermutigung, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Dass er auch aus seiner persönliche Biografie schöpft – all das macht sein Buch zu einem vertrauenswürdigen, anregenden Türöffner.

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Satz für Satz geht Steindl-Rast das Credo nach drei zentralen Fragen durch: Was heißt das eigentlich? Woher wissen wir das? Warum ist dieser Glaubenssatz so wichtig? Was nicht verifizierbar ist, wird hintangestellt: Das Wesentliche ist nämlich durch "Gottes Wirken in uns und um uns herum" für jeden zugänglich – auch wenn nicht jeder "Gott" sagt.

Steindl-Rast ist getrieben von der Erkenntnis, dass die Sehnsucht nach Zugehörigkeit den stärksten Antrieb des Menschen bildet. Das Vertrauen darauf, dass es überhaupt so etwas gebe wie einen gemeinsamen Seinsgrund, verbinde die Menschheit über alle Grenzen hinweg. Zudem erkennten Gläubige unterschiedlichster Religionen die Liebe als höchste Autorität an, obwohl sie in der empirischen Welt Tag für Tag unterliege: Für Steindl-Rast muss es eine Quelle geben, die diesen gemeinsamen Seinsgrund verbürgt und das Bewusstsein der Letztgültigkeit der Liebe speist. Das Credo nennt sie Vater.

Jeder Mensch kann zu ihr in eine Sohn-Beziehung treten. Dabei unterscheidet Steindl-Rast zwischen Ego und Selbst: Wo das Ego das beschädigte, isolierte Alltags-Ich meint, da bezeichnet das wahre Selbst die "Christus-Wirklichkeit" in jedem Einzelnen – das Potenzial einer angstfreien Seele, die sich vom Ganzen getragen weiß.

Mindestens einem historischen Menschen, so Steindl-Rast, sei es gelungen, dieses Potenzial voll zu entfalten – der Doppelname "Jesus Christus" gewinnt so sinnfällige Kontur. Freilich hatte dieser Jesus anderen Gläubigen im Kern nichts voraus – nach der Analyse der Bilder von Jungfrauengeburt oder Wundern bleibt für Jesus kein Startvorteil als Halbgott – für dieses Buch war er im Doppelsinn Mensch: ganz irdisch und ganz im Vertrauen auf sein Eingebundensein ins Ganze. Jeder, der seine Beziehung zur "Quelle" ernst nimmt und pflegt, der also in einem heiligen Geist lebt, entwickelt seinen inneren Christus – diese Trinitätsfigur sieht Steindl-Rast in allen Religionen angelegt. Auch andere Formulierungen wie die von Sünde, Himmel und Gericht gewinnen in Steindl-Rasts Rückführung auf die Ursprünge an Sinn und Stringenz.

Verständnis verlangt Konsequenzen

Steindl-Rasts Buch ist deshalb nicht nur ein Beitrag zum Dialog der Religionen. Es ist auch eine Heranführung der Christen an ihren hinter alten Wörtern und Bildern fremd gewordenen Glauben. Bedrohlich ist diese Entschlackungskur nur für jene, die es bequemer finden, vor unverstandenen Lehrsätzen passiv auf die Wiederkehr des Herrn zu warten. Verständnis verlangt früher oder später Konsequenzen. Darin und im Vertrauen auf die einende Kraft des Glaubens an sich wurzelt Steindl-Rasts Hoffnung angesichts einer in Krisen zerfallenden Welt.

David Steindl-Rast ist am Mittwoch, 20. Oktober, 20 Uhr, in der evangelischen Ludwigskirche Freiburg im Rahmen der Reihe "spektrum spirituell" zu Gast.

Autor: Jens Schmitz