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02. September 2015

So sind sie, die Männer!

BUCH IN DER DISKUSSION: Rebecca Solnit ist es leid, dass das angeblich starke Geschlecht die Redehoheit beansprucht.

  1. Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären. Deutsch von Kathrin Razum u. Bettina Münch. Hoffmann & Campe, Hamburg 2015.165 Seiten, 16 Euro. Foto: zvg

Sie erzählt diese Episode zu Beginn: genüsslich, durchaus. Sie ist mit einer Freundin auf die Party eines in die Jahre gekommenen vermögenden Mannes oberhalb des mondänen amerikanischen Skiorts Aspen eingeladen. Der Gastgeber will sich mit den beiden, die mit Anfang 40 deutlich jünger als der Durchschnitt der Gäste sind, später am Abend noch unbedingt unterhalten. Als es um ein neues Buch über den Fotografen Eadweard Muybridge geht, das sie selbst geschrieben hat, unterbricht er sie, um seinerseits von einem phantastischen Buch über Muybridge zu schwärmen, das er angeblich gerade gelesen hat. Minutenlang versucht die Freundin ihn vergeblich darauf hinzuweisen, dass es sich um dasselbe Werk handelt. Als er seinen Fauxpas bemerkt (und herauskommt, dass seine vermeintliche Kenntnis des Buches aus dritter Hand stammt), wird er für einen Augenblick blass – und schwadroniert dann weiter, als ob nichts gewesen wäre.

So sind sie, die Männer, will die amerikanische Feministin Rebecca Solnit uns Leser(inne)n am Anfang ihres Buchs mit dem herrlichen Titel "Wenn Männer mir die Welt erklären" mitteilen. In der Tat lässt dieser alltägliche Vorfall die weibliche Leserschaft schmunzeln: So oder ähnlich haben die meisten Frauen den allgemeinen Anspruch der Männer auf Diskurshoheit und auf die Autorschaft für kluge Gedanken schon erlebt – egal, auf wie tönernen Füßen deren vermeintliche geistige Überlegenheit auch daherkommt. Der intellektuelle Umgang der Geschlechter auf Augenhöhe zählt auch im Jahr 2015 nicht eben zu den gesellschaftlichen Standards: Die Verteilung der Führungspositionen in Unternehmen – und ihre verbissene Verteidigung gegen die "Zumutungen" einer Quote – mag ein deutliches Indiz dafür sein, dass auch über die Anteile an der öffentlichen Rede Macht ausgeübt wird. "Mansplaining" ist ein leider nicht übersetzbares wunderbares Wort dafür.

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Von 2008 stammt der bissig witzige Essay, der dieser Textsammlung von Rebecca Solnit den Titel gegeben hat. Die 1961 geborene Schriftstellerin und Essayistin hat ihn, wie sie im Postskriptum berichtet, "in einem Rutsch" geschrieben – damit auch jungen Frauen klar werden kann, dass sie von Männern nicht wegen ihrer Schwächen kleingemacht werden, "sondern dass es sich hier um den langweiligen alten Geschlechterkampf handelt". Der trägt, wie die weiteren, allesamt sehr gut lesbaren Stücke der Sammlung darlegen, keineswegs nur amüsante, sondern vor allem gewalttätige Züge.

Solnit kommt schneller, als es ihr selbst womöglich lieb sein kann, auf häusliche Gewalt gegen Frauen, auf Vergewaltigung und Mord zu sprechen. "Der längste Krieg" (2013) berichtet von der nicht endenwollenden Kette von Vergewaltigungen – keineswegs nur in Indien, wo Übergriffe von äußerster Brutalität in jüngster Vergangenheit für Aufsehen sorgten. In den USA findet alle 6,2 Minuten eine Vergewaltigung statt, sind zwischen 2001 und 2011 insgesamt 11 766 Frauen von ihren Ehemännern oder Partnern ermordet worden. Das sind bittere, deprimierende Zahlen, die nicht zur verbreiteten Auffassung passen, die Frau von heute sei längst emanzipiert – und der Feminismus nichts weiter als die schlechte Laune von Altkämpferinnen, die sich überlebt haben. Solnit weiß es besser – und belegt dieses Wissen mit Zahlen, Fakten und Ereignissen wie diesem: Dominique Strauss-Kahn versuchte in einer New Yorker Luxussuite ein schwarzes Zimmermädchen zu vergewaltigen, redete sich heraus und wurde sogar freigesprochen. Doch seine Karriere war ruiniert. Immerhin.

Rebecca Solnit wäre keine Amerikanerin, wenn sie am Ende nicht doch an eine Änderung zum Positiven glaubte. Die "radikale Vorstellung des Feminismus, dass Frauen Menschen sind", setze sich allmählich durch, schreibt sie im letzten Text ("Die Büchse der Pandora und die Freiwilligenpolizei"). Gleichgesinnte findet sie nicht nur bei der Dichterin Virginia Woolf ("Ein Zimmer für sich allein"): Deren Bedürfnis nach Dunkelheit, deren Bereitschaft, das Unerklärliche zu bejahen, hat sie schönsten Essay gewidmet. Sondern auch bei Männern wie dem radikalen Kapitalismuskritiker David Graeber, der unverdrossen an die revolutionäre Macht von Ideen glaubt. Der neue Feminismus, davon ist Rebecca Solnit überzeugt, muss die Männer in ihrem die Erde, das Gute und das Schöne zerstörenden Machismo analysieren. Wohlan!

Autor: Bettina Schulte