UNTERM STRICH: Plagiate lohnen wieder

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 24. Juni 2011

Kommentare

Guttenberg – war da was? Silvana Koch-Mehrin macht weiter / Von Bettina Schulte.

Es ist ja noch gar nicht lange her, dass Karl-Theodor zu Guttenberg unter dem Druck der öffentlichen Entlarvung seiner "in sieben Jahren als Familienvater" mühevoll geschriebenen Dissertation als hemmungsloses Plagiat zurückgetreten ist. Fast möchte man jetzt seufzen: Das waren noch Zeiten. Denn inzwischen wird man für das unter dem Schutzmantel der Alma Mater betriebene Abkupfern wieder belohnt. Silvana Koch-Mehrin, einst – oder vielleicht ja immer noch – Hoffnungsträgerin der Liberalen, wird kaum eine Woche nach der Aberkennung ihres Doktortitels durch die Universität Heidelberg vollgültiges Mitglied im EU-Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Forschung! Konnte die Neuorientierung der ehemaligen Vizepräsidentin des EU-Parlaments zu ohnehin denkbar ungünstiger Stunde nicht auf einem weniger kontaminierten Feld vollzogen werden? Dezenter?

Wer den Instinkt nicht hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die Positionierung der "falschen Frau Dr." als Forschungsexpertin – mit dem Aufgabengebiet "Verbreitung und Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse" – liefert nicht nur der parlamentarischen Opposition eine Breitseite. Vielleicht lerne die Kollegin ja jetzt das wissenschaftliche Arbeiten, ätzte der Grünen-EU-Abgeordnete Sven Giegold. Auch in der eigenen Partei kann man kaum glücklich über die politische Belohnung akademischen Scheiterns sein. Allerdings: Der Parteifreund, für den Koch-Mehrin in die Bresche springt, steht seinerseits unter Plagiatsverdacht. Auch Jorgo Chatzimarkakis soll in seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben. Es scheint eine Seuche zu sein. Man sollte künftig über jeden Politiker froh sein, der auf das Erringen (?) akademischer Namensbeigaben verzichtet. Auch im Namen der Wissenschaft: Ob "Die lateinische Münzunion 1865–1927" dieselbe weitergebracht hat, steht mit oder ohne Plagiat in den Sternen. Frau Koch-Mehrin hat für ihr Plagiat "Cum Laude" erhalten. Das ist keine gute Note.